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WIEN IST ANDERS
als 5 heisst, anders,
Hier ist alles anders, als es scheint, ai als Sie es erwarten.
Vor allem: Die Stadt Wien liegt nicht an der Donau. Sie liegt an dem Fluß namens Wien, welcher kein Fluß ist und an dem sie eigentlich auch nicht liegt. Denn sobald er (der Fluß) sich ihr (der Stadt), sacht und spärlich heranströmend, genähert hat, wird sie (die Wien) versteckt und schließlich auch noch überwölbt.
Nur mit dem letzten Stück ihres Laufes bietet die Wien das, was Flüssen, an denen Städte liegen, zukommt: sie tritt zutage und fließt, allgemein sichtbar, angenehm in die Stadtlandschaft einbezogen, der Mündung zu, die sie aber allzu bald erreicht. Sie ziert den Wiener Stadtpark, sie scheidet das Kriegsministerium, das keines mehr ist, von der Großmarkthalle (die so genannt wird, obwohl sie längst nicht mehr so heißt) und dem Hauptzollamt (das so genannt wird, obwohl es längst nicht mehr so heißt) — und schon mündet sie, aber beileibe nicht in die Donau, sondern in den Donaukanal, an dem Wien gleichfalls liegt, der aber kein Kanal ist, sondern ein Arm der Donau.
Das Bett der Wien ist großmächtig, tief und breit, aufwendig gestaltet und fast völlig trocken. Sieht man ganz genau hin, dann — und nur dann — erblickt man dort unten ein lächerlich spärliches Gerinnsel. Dieser Flußzwerg im riesigen Flußbett wirkt, als würde ein großmächtiges zweischläfriges Himmelbett von einem Baby eingenommen. Und man meint, Großmannssucht oder Größenwahn hätten dieses Mißverhältnis auf dem Gewissen: die große Stadt wollte um jeden Preis den namengebenden Fluß aufwerten. Doch weit gefehlt! Die kleine Wien, äußerlich harmlos und unschädlich, wurde immer wieder von heute auf morgen gefährlich; so lange pflegte sie zur Frühjahrszeit immer wieder aus ihren Ufern zu treten und Schaden anzurichten, bis der große Bürgermeister Dr. Karl Lueger die Regulierung und Assanierung durchsetzte. Wer sich der Stadt vom Westen her nähert, sieht die großzügigen Anlagen und den kleinen Wasserlauf, ehe er versteckt dahinfließt: unscheinbar, unauffällig, harmlos, idyllischgemütlich, doch von Natur aus dämonisch-bedrohlich — ein Wahrzeichen wider Willen, ein Symbol, ein Leitmotiv.
Die Feststellung dieser wienerischen Doppelgesichtigkeit — harmlos-dämonisch — ist nicht neu, aber doch auch wieder nicht so alt, wie man glauben könnte. Wien gefiel sich lange, allzu lange in der Rolle einer Hauptstadt der Lebensbejahung, Lebensfreude, Lässigkeit, was ihr unter anderen von Goethe und Schiller („Immer ist's Sonntag, es dreht immer am Herd sich der Spieß") und von Grillparzer („Entnervend weht dein Sommerhauch, du Capua der Geister") attestiert wurde. Wien tat nichts dagegen, daß man die Devise „Das Leben ein Tanz" in die Wiener Musik hineinhörte, daß Tanzen und Tanzmusik als Selbstdarstellung, nicht als Ausweg — als Diagnose, nicht als Therapie aufgefaßt wurden.
Wien schien noch bis in die Spätzeit der Operette und die Pionierjahre der Tontilmindustrie fesch und resch und fidel. Erst die zweifache Katastrophe von apokalyptischen Ausmaßen mit ihrer zweifachen besonderen Heimsuchung der Stadt Wien ließ allmählich die Frage aufkommen, ob der landesübliche Tanz im Dreivierteltakt nicht ein Tanz auf einem Vulkan gewesen sei.
Dann, in den Jahrzehnten, seit die Stadt Wien aus der Asche des Zweiten Weltkrieges aufgestiegen ist, hat sie ihr Bild neu zu sehen versucht, das Dämonische hinter der harmlosen Fassade entdeckt und dabei sozusagen auch ihre Vergangenheit rückwirkend umgebaut. Immer wieder kann man seither von vernünftigen und nachdenklichen Wienern hören, daß Wien gar nicht so sei, wie das Klischee es wahrhaben will; auf diese Negation des Wien-Klischees stößt man seither derart häufig, daß sie ihrerseits schon zum Khschee zu werden droht.
Und das mag damit zusammenhängen, daß die Stadt Wien 1955 mit der Unterzeichnung des Staatsvertrages und dem Neubeginn der österreichischen Souveränität in eine neue, sehr überraschende Phase ihrer Existenz eintrat, mit der sie fertigzuwerden hatte.