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Franz Fiedler (f)Ober das SehenAus dem Nachlaß des am 5. Februar 1956 ver-storbenen großen deutschen Lichtbildners Franz Fiedler veröffentlichen wir folgenden Aufsatz mit einem Kommentar Hellmuth Burckhardts. Im Zusammenhang damit verweisen wir auf das soeben erschienene Buch Franz Fiedlers Porträtfotografie" (VEB Wilh-helm Knapp Verlag Halle), das neben vielen technischen Details auch gestalterische Fragen sicher behandelt.Fotografisch-künstlerisches Sehen schließt in sich stets Beobachten und Auffinden von Bilderscheinungen ein. Es ist ein fortwährendes Erleben der Natureindrücke und das geistige Fundament des Schaffens. Ein solches Sehen ist gleichsam ein Liebkosen des Auges, ein leises geistiges Berühren der oberflächlichen Erscheinungen mit dem Blick. Jeder Mensch und jede Zeil sieht anders aus. Der Romane hat ein anderes Formideal als der Germane, der Inder ein anderes als der Japaner. Leonardo da Vinci sah anders als Michelangelo, Raffael anders als Rubens, Rem-brandt sah wieder anders als Dürer. Ganz verschieden ist das Sehen der Romantiker gegen das der französischen Impressionisten oder eines van Gogh oder Picasso. Ihre Darstellungen tragen stets den Stempel ihrer Persönlichkeit und ihrer Zeit.Der gegenständlichen Treue verleiht zwar der Fotografie ungewöhnlichen Wert, jenen dokumentarischen Wert, um dessentwillen sie überall da herangezogen wird, wo es sich um möglichst genaue und vollständige Registrierung gegenständlicher Einzelheiten und Tatbestände handelt. Und in der Tat wirkt die genaueste Naturabschrift unkünstlerisch. Begründet liegt diese Wirkung in dem Unterschied zwischen der Art, wie der fotografische Eindruck auf der Platte einerseits und der optische Eindruck andererseits zustande kommt, jener rein auf Grund physikalischer und chemischer Prozesse, dieser unter grundlegender Mitwirkung physiologischer und psychologischer Vorgänge. Es ist also klar, wie sehr sich die fotografische Wiedergabe der Natur von einem gesehenen Natureindruck, vor allem von dem Künstle-risch-Gesehenen, unterscheidet. Deshalb ist die Vorbedingung jeder Kunstschöpfung die Fähigkeit künstlerischen Sehens. Der erste Schritt dazu ist das Sehen lernen", der letzte das Sehen können" und das Wissen um die Gesetze des fotografischen Ausdrucks. Dazu ist eine gewisse Fähigkeit nötig, die Erscheinungen, die das Licht enthüllt, schnell zu erfassen und sie festzuhalten wissen. Das Bild soll schon im Kopf fertig sein, ehe die Kamera arbeitet.Die Kamera arbeitet äußerst exakt. In erster Linie arbeitet sie reproduktiv, kühl, mit mathematischer Genauigkeit. Sie ist eben Maschine. Was der sehende" Mensch, der hinter ihr steht, aus ihr herausholt, ist die Welt, mit seinen Augen gesehen. Das Bild zeigt nicht nur das Fotografierte, sondern ebenso den Fotografen, nicht nur die Abschrift der Wirklichkeit, sondern mehr noch, seine Handschrift. Die Themen; die Situationen, der Ausdruck und die vielen Möglichkeiten müssen vorbedacht sein, vom inneren Auge vorgeschaut sein, dann haben die Bilder einen Stil, seinen" Stil.Jede Fotografie ist somit persönlich". Sie ist stets eine Gestaltung durch Umwertung der Farben in Schwarzweiß, eines großen Hellig-keitsumfanges in die karge Tonskala der Papiergradation, eines weiten Blickfeldes in den streng begrenzten Blickpunkt einer Perspektive. Je objektiver ein Foto ist, destoweniger ist es umgewertet und gestaltet, um so unpersönlicher es ist. Es wird schließlich langweilig. Daher muß jedes Bild Inhalt haben, es muß etwas besagen und packen. Es muß das haben, was aus dem Menschen komhtt und niemals aus der Kamera allein.