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EIN DICHTER DER KAMERA WZ'ZrEliL.rct
an den rariser fotografen
Lieber Doisneau,
als ich mit Ihnen vor ein paar Wochen telefonierte und Ihnen sagte, „Die Fotografie" wolle einen Artikel über Sie haben, da waren Sie zunächst etwas erschrocken. Sie meinten, Sie seien doch im Grunde genommen nichts anderes als ein bescheidener Handwerker der Fotografie, und es lohne sich kaum, über Sie zu schreiben. Daß Sie sich dann schließlich überreden ließen, und daß Sie mich aufforderten, Sie in Ihrem Atelier zu besuchen, dafür bin ich Ihnen dankbar nicht etwa, weil Sie mir damit die Ausübung meines Berufes erleichterten, sondern weil die eine Stunde, die ich mit Ihnen geplaudert habe, mir weitaus wertvoller wurde als viele hundert Stunden, mit hunderten von anderen Menschen verbracht. Ich will Ihnen ganz offen gestehen, daß ich Ihre Bescheiden-heit für gekünstelt gehalten hatte, für eine Art von Starmanier wie man sie leider nur zu oft antrifft; allerdings steht die falsche Bescheidenheit meist in umgekehrtem Verhältnis zum Können des Künstlers, und je mehr er kann, desto bescheidener und diskreter ist er in Wirklichkeit. Bei Ihnen, lieber Doisneau, hat man sehr schnell den Eindruck, daß Sie selber über ihren Ruhm ehrlich erstaunt sind, und daß Sie
ROBERT DOISNEAU
denken, das Gelingen Ihrer Bilder sei eher ein Zufall als das Ergebnis großen Könnens. Eben deshalb ist es schwer, über Sie zu schreiben; eben deshalb schreibe ich lieber an Sie als über Sie, weil ich Ihnen sagen will, was Sie nicht wissen und, wenn Sie es wissen, nicht wahrhaben wollen. Es gibt tausende von Fotografen, die mit ihrer Kamera .arbeiten". Bei Ihnen ersetzt die Kamera ganz einfach die Feder des Dichters, aber eines Dichters der Wirklichkeit. Ihre größte Kunst besteht darin, sehen zu können, denn gerade das können nur wenige, und sonderbarerweise am allerwenigsten die meisten Berufsfotografen. Deren .Kunst" besteht oft darin, scharf einzustellen und dann auf den Auslöser zu drük-ken, am liebsten gleich zweimal hintereinander, weil ja vielleicht das eine Bild nichts geworden sein könnte. Bei Ihnen, lieber Freund, gibt es das nicht. Sie sagten mir selber, Sie gingen niemals ohne Kamera aus dem Hause, und ich kann mir sehr gut vorstellen, daß Ihre Frau Sie bittet, schnell noch ein Brot beim Bäcker, gleich um die Ecke, zu holen, und daß Sie dann stundenlang wegbleiben, sozusagen im Kielwasser Ihrer Kamera dahingezogen.