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Denkt man wohl, wenn Menzels Name genannt wird, zuerst an den Maler, der einige der schönsten und wichtigsten Bilder des neunzehnten Jahrhunderts schuf, oder eher an den Zeichner, der in Tausenden von Blättern die deutsche Zeichenkunst vollendete, oder an den Graphiker, der lang geübte Technik veredelte und neue ersann? Oder erinnert man sich seiner Persönlichkeit, des merkwürdigen Einzelgängers mit einem ergreifenden Künstlerschicksal?
Bei der Frage nach der Eigenart seiner Kunst fällt der Fleiß auf. Menzel war von der Schaffenslust aller großen Künstíer besessen. Aber Fleiß allein „tut's freihch nicht". Un^ bestechliche Wahrheitsliebe durchdringt alle seine Werke. Dabei hat er eine Fülle von Themen gestaltet - die schicksalhafte Revolution und das Beisammensein der Familie, Vergangenheit und Gegenwart, Mädchen und Greise, Walzwerker und Prinzessinnen, die Alpen und Rügen, Paris und Breslau, den Kölner Dom und Dorfkaten, Stubenfliegen und Elefanten, Gänseblümchen und Palmen, Kerzenstummel und Luftballons. Geblendet von dieser Vielfalt haben ihm manche Kritiker „grenzenlose Wahllosigkeit" vorgeworfen. Aber wie das scheinbar verworrene Glitzern des Diamanten eine Lichtfülle nach bestimmten Gesetzen einfängt und zurückstrahlt, so hat Menzel den Inhalt seiner Bilder aus dem unendlichen Leben sinnvoll ausgewählt. Nur wenige Maler seines Jahrhunderts warfen Fragen auf, denen er nicht auch nachgegangen wäre, oft als erster, und kaum einer ver« einigte so viele Gedanken in seinem Schaffen wie er. Menzels Vielseitigkeit im Inhalt erschien wahllos und ist doch umfassend.
Das gilt auch für seine stetig sich wandelnde Formen weit: sachlich bis zur Sorgfalt Krügers und doch freizügig wie Blechen, kühl wie Ingres und zugleich der Erregung des Delacroix nicht nachstehend, silbrig wie Corot, robust wie Courbet, der geistigen Schärfe Daumiers verwandt, eine Strecke mit Manet auf gleichen Wegen, dann wieder plastisch pathetisch wie Rodin, formstreng wie Marées und Cezanne, sogar Picasso noch berührend.
Bewunderung verdient gewiß schon die Zielstrebigkeit eines jungen armen Lithographen, der durch zehn Jahre unermüdlichen Fleißes hindurch Stufe um Stufe zu hoher Kunst emporstieg, mehr aber noch der geistige Aufschwung, der nach sorgfältigen und tüchtigen, aber auch erzwungenen Gemälden den 30jährigen Menzel plötzlich zu freien, schönen Bil^ dem erhob.
So malte Menzel an einem Sonnentage im Jahre 1845 in der neuen Wohnung in Berlin sein „Balkonzimmer". Dies zauberhafte Bild eröffnete den Reigen der köstlichen Schöp« fungen aus den folgenden Jahren, zu denen die „Weiden mit dem Bauplatz" von 1846 Tafel f gehören. An diesem Bache mag Menzel mit seinen Geschwistern und seiner Mutter öfter spazieren gegangen sein; denn dies schöne Fleckchen war nur zehn Minuten von seiner Wohnung in der Schöneberger Straße 18 entfernt. Ein ganzes Skizzenbuch füllte er in den Jahren 1843 bis 1846 mit ähnlichen Ansichten bei seinen kleinen Wanderungen in der Umgebung Berlins, auf der Pfaueninsel und am Schafgraben. Ebenso fest wie mit seiner zweiten Heimat Berlin war Menzels Kunst damals mit seiner Familie verbunden. Immer wieder erblickt man Mutter und Geschwister, wenn man in den Skizzenbüchern dieser Zeit blättert. Schwester Emilie strickt und liest, ruht sich aus oder sieht aus dem Fenster. Der liebevolle Bruder wurde nicht müde, sie zu zeichnen. Dem eng gezogenen Gesichtskreis im Inhalt dieser Bilder entspricht die Zeit des Biedermeiers, der liebenswerten, ehrsamen, unerhört tüchtigen und doch ein wenig beschränkten Kultur des Kleinbürgertums. Die Maler stellten immer wieder ihre Heimatstadt dar, so etwa Krüger, Graeb, Brücke und Gärtner die Schlösser und die alten Straßen Berlins. Menzel durchbrach diese engen Grenzen. Das Bild ist nicht Beleg für die Heimatkunde Berlins, sondern Zeugnis herr«