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Vorwort
»Ernst sehen die Literaturhistoriker drein, launisch sind sie wie Modistinnen, putzen je nach der Saison ihre Modelle neu heraus, lassen Goethes Frauengestalten und Goethes Freundinnen - von Friederike bis Ulrike - bald als betont deutsches Mädchen mit Zöpfen auftreten, bald kleiden sie sie nach Freud, ziehen sie existentialistisch an oder aus, bis dann wieder Marx die Stunde regiert und alles aufs Gesellschaftliche bezogen wird, während ebenso beflissen auf der Gegenseite alleinseligmachend der Text an sich erscheint, die sakrosankte Struktur.«
Mit diesen ironischen Worten glossiert der französische Literaturwissenschaftler Robert Minder (»Wozu Literatur? Reden und Essays«, 1971) die wechselnden Moden und allgemeinen Zeittendenzen unterworfene Auseinandersetzung um Ziele, Inhalte und Aufgaben des literarischen Unterrichts als immer wiederkehrende Erscheinung. In der gegenwärtig besonders kontrovers geführten Diskussion scheint die Vereinbarung der Ständigen Kultusministerkonferenz vom 7. Juli 1972 eine vermittelnde Stellung einzunehmen. Sie sieht den Literaturunterricht im Rahmen des sprachlich-literarisch-künstlerischen Aufgabenfelds der gymnasialen Oberstufe, dem die Aufgabe zufällt, »zum Verständnis künstlerischer Mittel und Formen, menschlicher Möglichkeiten und soziologischer Zusammenhänge« zu führen. Diese Formulierung läßt den Weg offen für eine am Ästhetischen orientierte Betrachtungsweise, die Literatur »als eine in sich geschlossene Spielsphäre« (W. Kayser) zu begreifen versucht; sie erlaubt aber ebenso, Literatur als »Gegenwelt im Entwurf« (Otto F. Walter) zu verstehen, wie sie gestattet, die geschichtlich-gesellschaftlichen Bedingungsfaktoren in die unterrichtliche Betrachtung einzubeziehen. Besonderes Ziel ist dabei das Verständnis; als zentrale Aufgabe erscheint daher in Richtlinien, didaktischen Konzepten und Lehrplänen, den Kollegiaten Kenntnisse und Methoden zu vermitteln, die den Verstehensprozeß fördern. Da die gymnasiale Oberstufe eine wissenschaftspropädeutische Funktion haben soll, muß sich der Literaturunterricht dazu auch der von der Fachwissenschaft entwickelten Fragestellungen, Verfahrensweisen und Begriffe bedienen. Der vorliegende Band will im Sinn der oben zitierten Vereinbarung »grundlegende wissenschaftliche Verfahrens- und Erkenntnisweisen systematisierend und problematisierend« aufzeigen, an einzelnen Beispielen erläutern und den Überblick über wesentliche Zusammenhänge ermöglichen. Er gliedert sich in zwei größere Teile.
Der erste Teil steht in engem Zusammenhang mit dem Band Deutsch. Er ergänzt in seinem der Übersichtlichkeit wegen alphabetisch angeordneten Kapitel »Gattungen« die dort vorgenommene Zusammenstellung der wichtigsten »Grundbegriffe« der Literatur, und er erweitert und vertieft die dort im Abschnitt »Textanalyse« entwickelten Möglichkeiten der analysierenden Auseinandersetzung mit Texten, indem er verschiedene Methoden der wissenschaftlichen Literaturbetrachtung gegenüberstellt und Kriterien diskutiert, die eine Textbewertung ermöglichen.
Leitende Absicht des ersten Teils ist es, neben der Erläuterung einer notwendigen Begriffs- und Verfahrenslehre in wesentliche Fragestellungen der litera-