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ADLIGE FRÄULEIN UM 1900
Bei uns verkehrten Leute sehr verschiedener Art, Ich besinne mich, wie wir als Kinder allen möglichen Damen die Hand küssen mußten, die Visite machten, wie man das damals vor 1900 nannte. Da war vor allem eine ältere Dame in einem schwerseidenen Kleid, das rauschte, sobald sie sich bewegte. Sie sprach meistens französisch mit scharfem russischem R und hatte die ganze Liebenswürdigkeit des vorigen Jahrhunderts. So ähnlich sprach auch meine Mutter, die glücklich war, wenn sie uns zwei Jungen von ihrer Heimatstadt, dem bunten Moskau, erzählen konnte. Aber sobald rnein Vater erschien, schwieg sie.
Ich konnte meine Mitschüler nicht verstehen, weil sie nicht backen und packen unterscheiden konnten. Aber das waren ja alles reine Sachsen. Mein Vater aber rühmte sich, ein halber Ire zu sein, und las fast nur englische Bücher, Von deutschen ließ er Schiller gelten. Und meine Mutter las Goethe mit tiefer Inbrunst und Moskauer Akzent.
Noch unsächsischer war die Atmosphäre bei ihrem Vater. Da gab es jeden Sonntagmittag große Tafel, zu der die meisten seiner sieben Kinder, unsre Familie und einige Gäste erschienen. Unter ihnen war Herr Taube, ein zierlicher junger Mann, von dem man wohl hoffte, daß er eine meiner Tanten heiratete.
„Stellen Sie sich vor", rief Herr Taube über die Tafel hin, „jemand wollte auf sächsisch große Gedanken ausdrücken!"
Meine Tanten lachten, und mein Großvater lächelte durch seine goldne Brille meinen Vater an, der nicht gern zugab, daß er sächsisch sprach.