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ALBERT RENGER-PATZSCH, Mensch und Werk von Fritz Kempe
Nur von wenigen Fotografen kann man sagen, daß sie stilbildend gewirkt hätten. Albert Renger-Patzsch war ein solcher Fotograf. Zwischen seinen Büchern "Die Welt ist schön" (1928) und "Gestein" (1966) breitet sich in einer großen Zahl von dünnen und umfänglichen Bildbüchern der Ertrag seines Lebens aus. Bedeutende Männer verfaßten Texte zu seinen Büchern; Carl Georg Heise, Fritz Schumacher, Wilhelm Pinder, Reinhold Schneider, Ludwig Curtius, Hugo Kükelhaus, Ernst Jünger. Es entsprach der Einstellung von Albert Renger-Patzsch, der sich als Fotograf stets als Diener am Objekt gefühlt hat, daß fast alle über den Gegenstand schrieben, den er mit seiner Kamera einsichtig gemacht hatte.
Der Kunsthistoriker Carl Georg Heise indes stellte das Verhältnis Rengers zu den Dingen in den Mittelpunkt seines Vorworts zu "Die Welt ist schön". Er verleugnet dabei nicht seinen Enthusiasmus über den neuen Standpunkt, den der Betrachter durch den Fotografen Renger-Patzsch gewonnen hatte: "Photos aber, sind sie von so kühner, lebendiger, von so schöpferischer Art wie Albert Renger-Patzsch sie aufzunehmen versteht, bereichern uns, vereinigen einen größeren Kreis wesensverschiedener Menschen zu gleichgestimmter Begeisterung, als etwa die Malerei unserer Tage das zu tun vermag." Die Gewährung lang entbehrter Genüsse beglücke das Auge, und — "Die Kamera erschließt neue Felder der Verehrung, andere zerstört sie."
Nahm Renger-Patzsch ursprünglich seine Kameraobjekte aus der ganzen Breite dés Angebotes, das Schöpfung und vom Menschen Geschaffenes für die Kamera bereithält, so beschäftigte ersieh zuzeiten so stark mit der technischen Welt, daß man In ihm gelegentlich einen fotografischen Apologetiker der Technik hätte vermuten können. Diese Anschauung erhielt auch von Carl Georg Heise Nahrung ; "Die Werke der Technik sollen sich nicht einer vorhandenen Ästhetik anpassen, sondern durch sie bekommt unser Schönheitsbegriff überhaupt ein grundlegend verändertes Gesicht. Rengers Industrle-Aufnah-men zeigen, mit welch überzeugender Selbstverständlichkeit ein Mensch der Gegenwart charakteristische Teilstücke eines Apparates, einer Maschine, einer industriellen Anlage, als ebenso schön empfindet wie ein Stück Natur oder ein Kunstwerk." Die von Heise gemeinte Gegenwart ist nun Vergangenheit geworden. Mit dem Wissen darum, daß Albert Renger-Patzsch auch schon damals nicht beabsichtigt hatte, die "Schönheit" seiner Bildinhalte zu preisen — der Titel seines Buches war vom Verleger bestimmt worden —, sondern das Wesen der Dinge aufzuzeigen, müssen wir ihn rückschauend von dem Verdacht befreien, ein Lobbyist der Technik gewesen zu sein. Seine Bilder gaben nur der Überzeugung Ausdruck, die er mitvielen Zeitgenossen der Zwanziger Jahre teilte, daß ein Werkzeug durch seine Zweckmäßigkeit geadelt werde; sein Buch sollte eigentlich heißen; "Die Dinge".