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MARIENALTAR. Gemälde. Um 149S/99, früher Dresden, Galerie
Albrecht DÜRER ist das Urbild des deutschen Künstlers; als solches ist er dem deutschen Volke, ist er der Welt gegenwärtig; unmittelbar gegenwärtig dadurch, daß sein Selbstbildnis jedem vor Augen steht, wenn sein Name fällt. Gewiß beruht Dürers Volkstümlichkeit auch darin, daß kleine, unscheinbare Werke seiner Hand wie Volkslieder unser Leben begleiten - der Hase, die Blumenbilder, dies oder jenes kleine Marienbild; daß manches seiner religiösen Bilder die Stelle des Kirchenliedes vertritt - wem wäre solche Parallele etwa zwischen »Ritter, Tod und Teufel« und den Chorälen Luthers nicht selbstverständlich ? Sie hat auch darin ihren Grund, daß wir in seinem Werk Leitbilder gewonnen haben, die mit zwingender Überzeugungskraft unser Seelenleben prägen: der handelnde und denkende deutsche Mensch steht uns vor Augen, wie Dürer ihn sah - in Holzschuher und Melanchthon, in Muffel und Erasmus; und Christus als Gestalt lebt in unserer Seele so, wie Dürer sie formte. Doch ist das alles noch nicht das letzte Geheimnis seiner gleichbleibenden Wirkung durch die Jahrhunderte. Weil das wahre Bild des Menschen seit 500 Jahren der Inhalt rastloser Bemühung des Abendlandes ist, weil seine extremen Ausprägungen durch die Renaissance, den Humanismus, die Reformation über den Absolutismus bis zum Übermenschen Nietzsches zahllos sind, weil wir gerade heute der Klärung dieses Bildes wieder so dringend bedürfen, wir, die wir im »Verlust der Mitte« leben, gerade darum ist die heimlich wirkende und in ihrer Unwandelbarkeit ständig gegebene Gegenwart eines Werkes der Dürerschen Art so überzeugend. Jedes tiefe Eindringen kommt hier zu dem gleichen Ergebnis: »Gewiß ist, daß er unter allen die größten geschichtlichen Wirkungen hervorgerufen hat. Und zwar mit Fug und Recht: deshalb, weil er in das Gefäß seiner Kunst den größten menschlichen Gehalt zu legen hatte« (Dehio). Dürer als Gestalt faßt jedes Zeitalter anders auf; uns ist er nahe, weil er ein Mensch war, der sich in seiner Bedingtheit begriff und erlebte, der für sich mit dem großen Wort vom Menschen als dem Ebenbilde Gottes Ernst machte. Erfühlte sich als Geschöpf, er lebte unausgesetzt in der gewaltigen Spannung zwischen dem Anspruch göttlichen Gesetzes und der Unzulänglichkeit seiner Verwirklichung durch den Menschen, er stand unter dem Druck von Sünde und ewigem Tod und ebenso immer wieder im Licht der Gnade der Erlösung. Das ist es: »nicht der schöne Mensch, sondern die große sittliche Charakterfigur ist die eigentliche Schöpfung