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Lubos Hlavácek - Albrecht Dürer [antikvár]

Albrecht Dürer [antikvár]

Lubos Hlavácek

 
Die Beschäftigung mit Dürers Zeichenkunst trägt wesentlich dazu bei, die wahre Bedeutung des Werks dieses Künstlers besser zu erfassen.' Wenn dieser Erbe der großen Tradition der bildenden Kunst des deutschen Mittelalters ein Kind der Spätgotik genannt wurde (Wölfflin), so tritt das nirgends deutlicher in Erscheinung, als gerade in der Zeichnung, die bei ihm den eigentlichen Schlüssel sowohl für die Graphik wie auch für die Malerei darstellt, in der sie die entscheidende Funktion der linearen Formfestlegung aller benützten...
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Die Beschäftigung mit Dürers Zeichenkunst trägt wesentlich dazu bei, die wahre Bedeutung des Werks dieses Künstlers besser zu erfassen.' Wenn dieser Erbe der großen Tradition der bildenden Kunst des deutschen Mittelalters ein Kind der Spätgotik genannt wurde (Wölfflin), so tritt das nirgends deutlicher in Erscheinung, als gerade in der Zeichnung, die bei ihm den eigentlichen Schlüssel sowohl für die Graphik wie auch für die Malerei darstellt, in der sie die entscheidende Funktion der linearen Formfestlegung aller benützten Bildelemente innehat. Dürer wurde mit seiner Aufmerksamkeit gegenüber der Wirklichkeit und mit seinem Bemühen um eine rationelle Ordnung einer der grundlegenden Wegbereiter der Renaissance in Deutschland; in seinen Zeichnungen aber blieb er am längsten und intensivsten mit der Tradition der Gotik verknüpft. Der Grund hierfür war insbesondere sein ausgeprägt lineares Empfinden. Panofsky hat treffend bemerkt, daß Dürer ,,in Termini der Linie dachte, so wie Chopin in Termini des Klaviers und keineswegs in Termini von Geigen oder Blasinstrumenten und wie Keats in Termini von Versen und nicht der Prosa dachte."" Daher die ständige Neigung, sich alles mit Hilfe scharf fixierter Konturen vorzustellen und festzuhalten, mit denen er das Wichtigste ausdrücken wollte — das Materielle und Plastische, also das, was man nicht nur sehen, sondern auch betasten und abwägen kann. Jenes ,,körperlich erfaßbare und greifbare" (Wölfflin)', das sich aus seiner ungewöhnlich plastischen Begabung ergab (derentwegen man ihn den Mann des Schicksals der deutschen Kunst nannte), wurde selbstverständlich am meisten durch den frühen Kontakt mit dem italienischen Quattrocento entfaltet, wurzelte jedoch schon im Vermächtnis der spätgotischen deutschen Plastik und war auch durch die Entwicklung der deutschen Zeichnung seit der Mitte des 15. Jahrhunderts vorbestimmt. Feinfühlig wahrnehmender Realismus, dessen allmähliche Präzisierung die Triebkraft von Dürers zeichnerischer Entwicklung bildete, kennzeichnet schon den sogenannten Mmier- des Hausbuchs (oder Meister des Amsterdamer Kabinetts)^ der im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts wirkte. Die wahrhaft geniale Fähigkeit, die Ewigkeit eines Augenblicks festzuhalten, verdankte er seiner seltenen Gabe sofortigen und schnellen Zeichnens, das er auch im Kupferstich beherrschte. (Er war der erste in der Kunstgeschichte, der die Technik der Trockennadel anwandte.) Ein Zögling der reifen Kultur niederländischer illuminierter Handschriften mit ihrem Interesse für das alltägliche gewöhnliche Leben, führte er in die deutsche Zeichnung der Spätgotik den Sinn für das Detail und die Neigung ein, sachlich all das zu behandeln, was dem Künstler wichtig erscheint, weil es für die Charakterisierung unerläßlich ist. Martin Schongauer (etwa 1445—1491), den der junge Dürer von allem Anfang an bewunderte, den er jedoch — als er sein unmittelbarer Schüler werden wollte — im Jahre 1492 in Colmar nicht mehr lebend antraf, vollendete dann nahezu restlos diese spätgotische Tradition.« Beeinflußt von der flämischen Erhabenheit des Ausdrucks (wie sie an der Grenze einer gewissen Expressivität Rogier van der Weyden in größter Fülle zum Ausdruck brachte), bereicherte er diese durch seine deutsch-gotisierende Gefühlsempfindung, die sich auf die technische Genauigkeit des erfahrenen Goldschmieds und Kupferstechers stützte. Von hier ging jene dekorative Ausdrucksform seiner ornamental empfundenen und entfalteten Linie aus, die viel von der gotischen Eleganz und abstrakten Auffassung der Form beibehielt, indem sie den Umriß im Zusammenwirken mit langgestreckten Schattenzügen innerhalb der Form betonte, die einen genauen, plastisch modellierenden Zweck verfolgten. Aber Schongauers Stil (der das Auszeichnen nahezu plastisch empfundener Umrisse betonte) nahm schließlich eine solche Raffiniertheit an, daß er zu einer Art Manierismus wurde, der keiner weiteren Entwicklung fähig war. Deshalb brauchte Dürer, den der Graphiker aus Colmar in seiner frühen Jugend bezauberte, so unerläßlich die italienische Lektion — sie bewahrte ihn vor der Gefahr des Formalismus, der zum Beispiel an Schongauers Faltenwurf spürbar wird, in dem die gotische Tradition am beredtesten zum Ausdruck kommt. Wieweit der junge Albrecht Dürer dem Einfluß Schongauers unterlag, bezeugt sein Selbstbildnis im Alter von dreizehn Jahren in der Wiener Albertina (er wurde im Jahre 1471 in Nürnberg geboren). Die feste, gleichsam graphisch gestanzte Form wird durch den scharf festgelegten Umriß geprägt, den er zuerst mit der Nadel in das Papier stach. Der gotisch lange und schlanke Zeigefinger der rechten Hand, nach vorne ausgestreckt, kontrastiert mit der weichen malerischen Darstellung der Falten an beiden Ärmeln. Das fein gelockte Haar umrahmt zu beiden Seiten das Gesicht, das den Ausdruck einer Art gespannter Erwartung zeigt. Aus einer Anmerkung des Autors in der rechten oberen Ecke erfahren wir, daß er mit Hilfe eines Spiegels arbeitete.® Für einen dreizehnjährigen Knaben beweist die Zeichnung ein außerordentliches Talent sowie die Fähigkeit ungewöhnlicher Selbstbeobachtung, die sich im Bildnis des Vaters aus den Jahren 1484— 1486 in die seltene Gabe einer seelenforschenden Charakterschilderung verwandelte. Sie ist hier so durchdringend, und die Zeichnung ist so souverän mit dem Silberstift gestaltet, daß manche Forscher (Ochenowski, Panofsky) zu einer irrigen Schlußfolgerung kamen und das Blatt für ein Selbstbildnis des Vaters Albrecht Dürers hielten. Wir haben diese zwei Beispiele der frühen zeichnerischen Meisterschaft des Malers erwähnt, um an ihnen nicht nur die Größe seines Talents zu dokumentieren, sondern auch die stilistischen Voraussetzungen, aus denen es hervorging.' Die gotische Tradition kann man ganz klar auch an der Federzeichnung Drei Bauern im Gespräch und ein junges Paar aus der Zeit um das Jahr 1496 erkennen. Sie zeigt sich insbesondere im Beharren auf einem geschlossenen Umriß und in der Art, wie hier die plastische Modellierung mit Hilfe von Schraffierungen erreicht wird, die der Künstler mit kurzen und einander gegenseitig überdeckenden parallelen Linien kombiniert. Dürers spätgotischer stilistischer Ausgangspunkt wurde übrigens von seiner ganzen Ausbildung bestimmt, sowohl auf dem Gebiet der Goldschmiedearbeit in der väterlichen Werkstatt als auch bei Michael Wolgemut (1434—1519). Dort gewann er nicht nur die Grundlagen für seine Malerarbeit (durch die Vermittlung dieses Meisters, der von der Tradition der niederländischen Malerei im Umkreis von Rogier van der Weyden und

Termékadatok

Cím: Albrecht Dürer [antikvár]
Szerző: Lubos Hlavácek
Kiadó: Odeon
Kötés: Vászon
Méret: 240 mm x 310 mm
Lubos Hlavácek művei
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