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ON KEINEM DER ALTEN DEUTSCHEN KÜNSTLER WISSEN WIR IN
biographischer Hinsicht auch nur annähernd soviel wie von Dürer; er ist der erste
von ihnen, der als Persönlichkeit klar und greifbar aus der mittelalterlichen An-
onymität heraustritt. Wir danken dieses Wissen der schon zu Lebzeiten großen
Berühmtheit des Meisters, die eine Anzahl hervorragender Zeitgenossen veranlaßt
hat, sich über ihn und seine Lebensumstände zu äußern, vor allem aber seinem
stark ausgeprägten Interesse an der eigenen Person und Herkunft. Er schrieb, wie wir heute sagen
würden, Memoiren, ein Gedenkbuch, von dem leider nur Bruchstücke auf uns gekommen sind, und
zeichnete als Dreiundfünfzigjähriger eine Familiengeschichte auf, in die er die Hauschronik seiner
Eltern übernahm. Dazu besitzen wir rund dreißig Briefe von seiner Hand und nicht zuletzt das Tage-
buch seiner Reise in die Niederlande.
«t Dürers Vater, auch Albrecht mit Vornamen, war aus Ungarn nach Deutschland eingewandert. Eytas
(Ajtös), zu deutsch „Tür", hieß das bei Großwardein gelegene Dorf, wo die „Türer" — vermutlich
von deutschen Kolonisten abstammend — als Viehzüchter lebten; Dürers Familienwappen zeigt daher Seite 5
eine geöffnete Tür. Der Geburtsort des älteren Albrecht ist jedoch Großwardein, wo sein Vater als
Goldschmied ansässig geworden war. Albrecht erlernte das väterliche Handwerk und zog auf
die Wanderschaft. 1455 kam er nach Nürnberg und fand Arbeit bei dem Goldschmied Hierony-
mus Holper, dessen Tochter Barbara er 1467 heiratete; im Jahr darauf wurde er Meister. Aus
seiner Ehe gingen achtzehn Kinder hervor, von denen Albrecht Dürer, geboren am 21. Mai 1471,
das dritte war.
«t Liest man, was Dürer von seinen Eltern berichtet, so ersteht vor einem das Bild der alten deut-
schen Stadt, wie es im Osterspaziergang des „Faust" entworfen ist, mit ihren niedrigen Häusern und
dumpfen Gemächern, mit ihren Handwerks- und Gewerbesbanden, mit dem Druck von Giebeln und
Dächern, der Straßen quetschender Enge und der Kirchen ehrwürdiger Nacht. Zwar regte sich gerade
in Nürnberg schon ein neuer, freierer Geist, aber der Goldschmied Dürer hatte wohl kaum teil daran.
„Item dieser obgemeldete Albrecht Dürer der Ältere hat sein Leben mit großer Mühe und schwerer
Arbeit zugebracht und von nichts anderem Nahrung gehabt, denn was er für sich, sein Weib und
Kind mit seiner Hand gewonnen hat. Darum hat er gar wenig gehabt." Den Nutzen von der sprich-
wörtlichen Qualität des Nürnberger Kunsthandwerks hatten vor allem die patrizischen Großkauf-
leute. Die Handwerksmeister selber mußten ihre wirtschaftliche Existenz in hartem Wettbewerb be-
haupten, und das war nicht des älteren Dürer Sache. „Denn er hielt ein ehrbar christlich Leben, war
ein geduldiger Mann und sanftmütig, gegen jedermann friedsam; und er war fast [sehr] dankbar
gegen Gott." Dürer hat seinen Vater zweimal gemalt, 1490 und 1497. Das erste Bild betont die
Gottesfurcht und Demut, das zweite die aus Leid und Sorgen erwachsene strenge Würde des „künst-
lichen reinen Mannes", der „weniger Worte" war.
«t Das Vaterporträt von 1490 hatte ein Bildnis der Mutter zum Gegenstück, das seit dem 17. Jahr-
hundert verschollen ist. Ob wir es, vor die Wahl gestellt, gegen die Kohlezeichnung eintauschen Tafel Seite 95
würden, die Dürer im Todesjahr seiner Mutter, 1514, von deren Antlitz gefertigt hat? Dieses kost-
bare Blatt, auf dem soviel Liebe mit soviel unerbittlich sachlicher Wahrhaftigkeit vereinigt ist, ge-
hört zu den größten Denkmälern der realistischen Tradition. Hier ist das „bedeutende Rauhe", das
Goethe in seiner Schrift über das Straßburger Münster der verzärtelten Schönheitelei entgegenstellte.
Und so gewiß wir sind, daß diese Porträtzeichnung ähnlich ist, so wenig sehen wir darin nur einen
Einzelfall. Sie verbildlicht nicht nur das Schicksal der Handwerkerwitwe Barbara Dürer, sondern das
der von Not und überschwerer Arbeit abgehärmten Mütter überhaupt, durch die Jahrhunderte hin.
Von dieser einen aber erzählt ihr Sohn: „Diese meine fromme Mutter hat achtzehn Kinder getragen