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on keinem der alten deutschen Künstler wissen wir biographisch soviel wie von Dürer; er ist der erste, der als Persönlichkeit aus der mittelalterlichen Anonymität heraustritt. Er schrieb, wie wir heute ^ sagen würden, Memoiren, ein Gedenkbuch, von dem leider nur Bruchstücke auf uns gekommen sind, und zeichnete als Dreiundfünfzig jähriger eine Familiengeschichte auf, in die er die Hauschronik seiner Eltern übernahm. Dazu besitzen wir rund dreißig Briefe von seiner Hand und das Tagebuch seiner Reise in die Niederlande.
Dürers Vater war aus dem «Königreich zu Hungern» nach Deutschland eingewandert. Eytas (Ajtós) hieß das im Komitat Békés gelegene Dorf, wo die Vorfahren des Malers die Rinder- und Pferdezucht betrieben. Sein Großvater Anthoni kam in die Stadt Gyula zu einem Goldschmied in die Lehre. Anthonis Sohn Albrecht erlernte das väterliche Handwerk und blieb auf der Gesellenwanderung in Nürnberg. Dort heiratete er 1467 die fünfzehnjährige Tochter Barbara des Goldschmiedemeisters Hieronymus Holper, seines Dienstherrn. Albrecht Dürer, geboren am 21. Mai 1471, war das dritte von 18 Kindern. Im 15. Jahrhundert gab es im Komitat Békés keine fremden Siedlungen. Der typisch deutsche Künstler Dürer könnte also väterlicherseits magyarischen Blutes sein. Mehrere zeitgenössische Bildnisse - wie ein Gemälde in kirchlichem Besitz in Kroméfiz, das Hans von Kulmbach zugeschrieben wird, und die Medaille von Hans Schwarz - scheinen es zu bestätigen. Jedenfalls haben der Name Dürer (= Türer) und das Wappen mit der geöffneten Tür ihren Ursprung in der Verdeutschung des ungarischen ajtó = Tür. Liest man, was Dürer von seinen Eltern berichtet, so ersteht vor einem die alte deutsche Stadt, wie sie im Oster-spaziergang des «Faust» beschrieben ist, mit ihren niedrigen Häusern und dumpfen Gemächern, mit ihren Handwerks- und Gewerbesbanden, mit dem Druck von Gie-
beln und Dächern, der Straßen quetschender Enge und der Kirchen ehrwürdiger Nacht. «Item dieser obgemeldete Albrecht Dürer der Ältere hat sein Leben mit großer Mühe und schwerer Arbeit zugebracht und von ruchts anderem Nahrung gehabt, denn was er für sich, sein Weib und Kind mit seiner Hand gewonnen hat. Darum hat er gar wenig gehabt. Denn er hielt ein ehrbar christlich Leben, war ein geduldiger Mann und sanftmütig, gegen jedermann friedsam; und er war fast (= sehr) dankbar gegen Gott.» Dürer hat seinen Vater zweimal gemalt, in den 26 Jahren 1490 und 1497. Das erste Bild betont die Gottesfurcht und Demut, das zweite die aus Sorgen erwachsene Würde des «künstlichen reinen Mannes», der «weniger Worte» war.
Das Vaterporträt von 1490 hatte ein Bildnis der Mutter zum Gegenstück, das seit dem 17. Jahrhundert verschollen ist. Ob wir es, vor die Wahl gestellt, gegen die Kohlezeichnung eintauschen würden, die Dürer im Todesjahr 104 seiner Mutter, 1514, von deren Antlitz gefertigt hat? Dieses kostbare Blatt, auf dem Liebe mit sachlicher Wahrhaftigkeit vereinigt ist, gehört zu den größten Denkmälern der realistischen Tradition. Und so gewiß wir sind, daß diese Porträtzeichnung ähnlich ist, so wenig sehen wir in ihr einen Einzelfall. Sie verbildlicht nicht nur das Schicksal der Handwerkerwitwe Barbara Dürer, sondern das der von Not und überschwerer Arbeit abgehärmten Mütter überhaupt, durch die Jahrhunderte hin. Von dieser einen aber meldet ihr Sohn, sie habe «oft die Pestilenz gehabt, viele andere schwere merkliche Krankheit», habe «große Armut gelitten, Verspottung, Verachtung, höhnische Worte, Schrecken und grofie Widerwärtigkeit», doch sei sie nie «rachsüchtig» geworden.
Es ist schwer zu verstehen, warum ein Goldschmiedehepaar in so kümmerlichen Verhältnissen lebte. Selbst wenn man die hohe Kinderzahl berücksichtigt, so wird man, um den Druck zu erklären, der auf der Familie Dürer lastete, der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation in Nürnberg die Hauptschuld geben müssen.