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1Wie heißt er mit seinem Familiennamen? fragte Marcel. Er saß, mit dem Rücken gegen die senkrechte Felswand, auf einem schmalen Pfad, der dort, wo sie sich ausruhten, in eine Geröllhalde mündete. Tief unter sich sah er das helle Band der Straße, auf der sie gekommen waren, in engen Serpentinen das Tal durchziehen. Sie lag noch im Schatten der Berge. Auf der anderen Talseite waren die Berge noch höher. Ihre Gipfel und Grate schimmerten rötlich im weißen Licht der Sonne, und weiter im Norden türmten sie sich zu einem geballten Massiv in den leeren Himmel.Ich weiß nur, daß er Boris heißt, antwortete Georges. Sein Gesicht war naß von Schweiß, er blickte den Berg hinab zu der Stelle, an der sie vor drei Stunden die Straße verlassen und den Aufstieg begonnen hatten. Entlang der Straße schäumte ein Fluß, kristallklares Wasser mit einem grünlichen Schimmer an der Oberfläche.Durch den verschwitzten Stoff seines Kittels spürte Georges die Kühle des Felsens in seinem Rücken, und neben sich vernahm er den schweren Atem von Marcel, der mit geschlossenen Augen das Gesicht in die Sonne hielt und weitersprach: Ich kann mir nicht helfen, aber das hier ist eine merkwürdige Gegend, eine Gegend ohne Vögel. Ist es dir schon aufgefallen?Ja, sagte Georges.Er erhob sich vom Boden, ging zu der Geröllhalde und schaute zum oberen Ende der Halde hinauf, wo eine steile Wand herauswuchs. So, wie er stand, hatte er die Sonne im Rücken, und er konnte deutlich die Wand sehen, die etwa zweihundert Meter breit und fünfzig Meter hoch war. Kaum erkennbar hoben sich von ihrem gezackten Grat die flachen Wälle und Befestigungsanlagen eines Forts ab, halbrunde Betonklötze mit Schießscharten und wuchtigen Geschütztürmen an den Flanken. Es ist nicht besetzt, sagte Georges. Man sieht es.Das kannst du von hier aus nicht sehen, widersprach Marcel. Das siehst du erst, wenn du oben bist, und dann ist es zu spät. Georges, der fünfundzwanzig Jahre alt, sehr groß und mager war, setzte sich wieder neben ihn auf den Pfad und ließ die Beine über den Abgrund baumeln. Er trug ein rotkariertes Hemd unter dem dünnen Leinenkittel, eine schwarze Samthose und genagelte Schnürstiefel. Marcel war ärmlicher angezogen, einen halben Kopf kleiner, mit kräftigen Beinen, rundem Gesicht und langen Bartstoppeln.Hör auf zu jammern, sagte Georges. Von wem soll es besetzt sein?Ist mir egal, antwortete Marcel. Aber wenn es Vieale an den Kragen geht, wird er uns verpfeifen. Du kannst heute in Frankreich5keinem Menschen mehr trauen. Sie stecken alle mit der Résistance unter einer Decke. Wo ist eigentlich die italienische Grenze?Georges wies mit ausgestrecktem Arm zur anderen Talseite hinüber. In dieser Richtung, wahrscheinlich auf dem übernächsten Kamm. Das Fort muß schon zur zweiten oder dritten Befestigungslinie gehören.Italien wäre mir lieber, erklärte Marcel brummig. In Frankreich ist jetzt der Teufel los.Er wird in Italien genauso los sein.Sie blieben noch fünf Minuten sitzen, dann stand Georges auf. Weiter geht's! Wir müssen links am Fort vorbei.Marcel spuckte beim Aufstehen auf den Boden und kletterte hinter Georges die Halde hinauf. Sie wurde auf beiden Seiten von steilen Wänden flankiert, die immer näher rückten, je mehr die Männer an Höhe gewannen. Das Geröll saß so locker, daß ihnen die Steine unter den Füßen wegrutschten und kleine Lawinen mit in den Abgrund rissen. In der Mitte der Halde befand sich eine vom Wasser ausgewaschene Rinne. Georges tastete sich vorsichtig hinüber und stieg in die Rinne hinab. Hier ging es sich besser. Sie ruhten sich ein paar Minuten aus und setzten dann ihren Weg fort.Während sie sich langsam der Wand näherten, verschwand auch das Fort aus ihrem Gesichtswinkel, aber sie brauchten noch eine gute Stunde, bis sie zu einem Platz kamen, von wo aus sie die Wand umgehen und an ihrer Flanke vorbei zum Grat emporsteigen konnten. Jetzt sahen sie auch das Fort wieder. Es lag etwa fünfzig Meter über ihnen und war von hier aus nur an einem Turm zu erkennen, der wie eine riesige Glocke auf dem Felsen saß und mit dem breiten, zahnlosen Maul seiner Schießscharte ein Gefühl des Ekels und der Furcht in Marcel weckte. Er atmete kurz und schnell, immer von dem Eindruck geplagt, als müßte jeden Augenblick von irgendwoher der scharfe Anruf eines Postens ertönen.Jetzt hatte Georges den Grat erreicht. Er kletterte auf einen flachen, tischförmigen Stein und stieß einen Pfiff aus.Siehst du etwas? fragte Marcel keuchend. Da Georges nicht antwortete, stieg er hastig zu ihm hinauf, und sein Gesicht hätte nicht überraschter sein können, wenn statt der bunten Ziegeldächer zu ihren Füßen die eleganten Boulevards von Nizza oder Cannes aufgetaucht wären. Es mochten etwa fünfzig Häuser sein, die sich auf einem terrassenförmigen Vorsprung unterhalb des Forts zusammendrängten. Dahinter tat sich ein enges Tal auf, und im Westen bäumte sich ein fast endloses Meer hoher Berggipfel in den Himmel. Ihr nacktes Gestein flimmerte im grellen Licht der Sonne, die nun, da es auf den Mittag zuging, senkrecht über den Tälern stand.