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Vorwort
Die Altstadt ist für Österreicher, wie wohl für Europäer überall, mehr als nur die alte Stadt im Inneren der großen Städte. Altstadt ist mehr als Stadtbaukunst, als historischer Ort mit sprechenden Steinen. Sie ist mehr als ein touristisches Werbebüd - durch seine Besonderheit der Gestalt als Hinweis auf das Angebot an Kunst, Geschäft und Unterhaltung.
Altstadt ist eine in seiner Gesamtheit nie erklärbare Summe von BUdern, Stimmungen, Bewegungen, Geräuschen und Düften, die als Erinnerung festhaften - und dort, wo diese Eindrücke dazu noch in den seelischen Sog einer Kinderseele geraten, werden sie zu unauslöschlichen und prägenden Engrammen: Jeder trägt die Altstadt seiner Jugend mit sich.
Was der Städtebau der letzten Jahrzehnte an Stadterweiterungen an die traditionellen Stadtkerne anlagerte, hat durch seine Allerweltsarchi-tektur und durch die nur von Hygiene und Technik inspirierte Form die Sicht für die Altstadt wieder freigemacht. Mag der gläserne und kristallene Neubau nach dem Ersten Weltkrieg eine erstrebenswerte Vision gewesen sein, heute ist er durch seine öde Addition zum „Wohncontainer" geworden. Nur in den seltensten Fällen identifizieren sich die Bewohner mit diesen Neustädten. Unter dem Begriff „meine Stadt" verbirgt sich nach wie vor auch für den Neustadtbewohner die alte Kirche oder der Dom, die enganeinanderge-drückten Häuserfronten mit den altangestammten Geschäften und dem dichten Treiben, das auch heute einen Freiraum der Anonymität zustande bringt, wo man im Gedränge unbeobachtet Individualist sein kann; Auch heute macht
die Stadt noch frei, und die Altstadt ist jener Ort, wo seit der Entstehungszeit diese Luft der Freiheit weht. Besucher aus dem Umland suchen in der Altstadt das außerordentliche Angebot des Marktes, das bisher eben nur dort im Herzen der Stadt seinen Standort hatte. Der Tourist sucht die Unverwechselbarkeit eines schönen Stadtbildes, die Stätten der Kunst und Kultur. Der junge Mensch sucht die Orte der Kommunikation, die Dichte verfangen und Wahlmöglichkeit bieten, und gerade der alte Mensch fühlt sich hier vertraut und daheim. Die Altstadt läßt auch den Pessimisten Mut fassen, wenn er Beständigkeit über Jahrhunderte registriert und feststellt, daß sein Büd der Stadt wieder den Kindern und Kindeskindern zuwächst - der Lauf der Zeit wird sichtbar, wo es Fixpunkte gibt: Die Altstadt ist ein Fixpunkt.
Trotz vieler Kriege, trotz Brände und Zerstörung hat Österreich einen reichen Bestand an Altstädten. Von Rust bis zur Oberstadt von Bregenz, von Weitara bis Villach reicht das Netz der alten Städte. Das kleine dörfliche Ensemble mit seinen traditionellen Hausformen ist dabei ebenso bedeutend wie die Bischofsstadt mit ihrem Dom. Weit reicht die Vielfalt der baulichen und gestalterischen Möglichkeiten, die sich auf engem Raum präsentieren: von Drosendorf im Waldviertel bis Bad Radkersburg, Hall in Tirol und Feldkirch. Gleich sei angemerkt, daß es aber ebenso betrüblich ist festzustellen, daß viele der Orte und Städte ihr Gesicht bereits verloren haben. Viele Plätze und Straßen sind nicht mehr wert, in einen Prospekt aufgenommen zu werden, oder sie gebärden sich so falsch verstanden fremdenverkehrsgerecht.