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In einer Stadt am See
Blaßblauer Herbsthimmel spannt sich über das Voralpenland am Bodensee, die Kette der Schweizer Berge steht mit überschneiten Gipfeln im Süden. Spitz stoßen die Türme und Giebel der Stadt Konstanz in die klare Luft, die buntglasierten Ziegel auf der gotischen Turmpyramide des Domes leuchten im müden Schein der frühen Sonne.
Rings um die Stadt breitet sich das weiße Geflocke der Zeltlager. Am linken Rheinufer, in der Kreuzlinger Vorstadt, liegen Italiener und Spanier; auf dem rechten Ufer, in Seehausen und dem «Paradies», sind Bretterhütten, Wagenburgen und Barackenstraßen entstanden; hier wohnt das Gefolge deutscher und englischer Lehensherren; in Petershausen haben sich Franzosen, Polen und Russen niedergelassen.
Vor dem Schnetztor lärmt das bunte Gewoge eines Jahrmarktes, das Gauklervolk hat dort seine Buden aufgerichtet, Obst- und Weinverkäufer preisen ihre Waren an, die Bäcker verkaufen von fliegenden Ständen, die Fleischer schicken ihre Lehrjungen mit Mulden voller Würste in die Lagerstädte und haben keine Sorge um den Absatz.
Am lautesten geht es in der Altstadt zu. Trotz der frühen Morgenstunde ist dort alles mit Gewühl und Gesumm erfüllt. Man spricht von fünfzigtausend Besuchern, die herzugeströmt sind, die Eröffnung von Konzil und Reichstag nützuerleben.
In einem Fachwerkerker des Hauses «Zum Storchen» in der Kirchenstraße sitzen sich zwei der gelehrtesten und angesehensten Männer ihrer Zeit gegenüber. Peter von Ailly trägt die karmesinrote Robe des Kardinals, der bewegliche, geistvolle Greis hat seinen Weg zu höchsten kirchlichen Würden über die Kanzlerschaft der Pariser Universität genommen. In einem ledergepolsterten Arm-
Konzil zu Konstanz (1414-1418).
Pierre d'Ailly (1350-1425), französischer Kardinal und Scholastiker, führte auf dem Konzil die Reformpartei.