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ETHNISCHE IDENTITÄT, INTEGRATION UND DISSIMILATION IM LICHTE DER NAMENGEBUNG
von
ISTVAN HAHN
Artemidorus Daldianus, der renommierte Traumdeuter der römischen Prinzipatszeit beschreibt in seinem Oneirokritikon einen eigentümUchen Traum dessen Deutung ebenfalls auffällig ist. "Ich kannte jemanden, der es träumte, enthauptet zu werden. Es ergab sich, daß er, ein Hellene, das römische Bürgerrecht erhielt, und auf diese Weise auch seinen früheren Namen und seine bisherige Würde eingebüßt hat".^
Es ist nicht nötig, in diesem Kreise die ganz eigenartige Bedeutung dieser Interpretation des Traumes zu erörtern. Das ganze hat seinen eigentümlichen Humor: der Römer erleidet durch das Verlieren seines Bürgerrechtes die capitis deminutio, die rechtliche "Köpfung" - der Grieche wird im Gegenteil durch das Erlangen eben dieses Bürgerrechtes seines "caput", seiner hellenischen Würde, beraubt. Für ihn ist - laut dieser Traumdeutung - das römische Bürgerrecht eine Erniedrigung, insofem er dadurch seine traditionelle griechische Namensform - den wohlklingenden meist redenden Namen mit dem Patronymikon im Genetiv in einen römischen, von griechischem Standpunkt barbarischen Namen: praenomen, römisches Gentilicium mit cog-nomen, evenüiell sogar mit römischem Tribusname ergänzt, eintauscht. Römer zu werden, bedeutet in dieser Auffassung für die Griechen eine Degradation, durch die Namensänderung symbolisiert. Diese Auffassung unseres Autors kann nicht ganz vereinzelt sein, sonst hätte er dieselbe nicht in sein Traumbuch aufgenommen, welches ja allgemein annehmbare Deutungen vortragen soUte. Es ist auch nicht ganz vereinzelt in jenem Siime, als ob sie den sonstigen Äusserungen des asianischen Griechen aus Ephesos strikt widerspräche - im Gegenteil, die zitierte Deutung fügt sich in eine lange Reihe mehr oder weniger getarnten, hämischen Romfeindlichen Äusserungen ein. Nur einige Beispiele. Für einen Griechen ist es nicht erwünscht, die lateinischen
Die vorliegende Abhandlung wollte der Verfasser noch einer gründlichen Umarbeitung unterziehen und hierbei vor allem die Ergebnisse der neueren Forschung referieren. Sein früher Tod ließ diesen Plan jedoch scheitern. Aus Gründen der Pietät wird der Aufsatz hier unverändert abgedruckt.
I, 35. S. dazu I. Hahn, Traumdeutung und gesellschaftliche Wirklichkeit. Artemidorus Daldianus als sozialgeschichtliche Quelle. Xenia 27, Konstanz 1992, 17.