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ALS an jenem schicksalsschweren 24. August des Jahres 79 der Vesuv dröhnend aufsprang und schwere Wolken aus Asche und Bimsstein auf die blühende Stadt Pompeji walzte, da wurde zusammen mit all den Bewohnern, die die Stadt nicht verlassen wollten, ohne ihren Besitz gerettet zu habén, auch ein Hándler begraben, der mit seinem Verkaufsstand unter dem Sáulengang an den Stabianer Thermen vor der drohenden Gefahr Schutz gefunden zu habén glaubte. Grausam lebendig hat die erstarrte Asche das Leben eines kleinen Verkáufers von Tonfigürchen festgehalten. Híer an einer der belebtesten Strafien Pompejis hatte er seine Statuetten von Göttern und Menschen, reizende Figürchen aus gebranntem Ton mit einer heiteren, f arbenf rohen Fassung feilgeboten. Freilich, die Glanzzeit dieser Kleinplastik war bereits vorüber, aber immer noch wurden die wohlfeilen Gebilde gern gekauft, um im Haus verehrt oder als Geschenk an Freunde oder auch noch als Weihgabe den Toten und Göttern weitergegeben zu werden. Jahrhunderte alte Sitten und Gebrauche knüpfen sich an die kleinen zerbrechlichen Figuren. Diese Kleinplastik in Ton ist Volkskunst im unverfalschten Sinn des Wortes, wenn es auch in der antiken Kunst eine Trennung von Volkskunst und hoher Kunst nach modernem Verstándnis nicht gegeben hat. Wenn wir die antiké Tonplastik als Volkskunst bezeichnen, so nicht, um sie von der" grófién Kunst zu lösen, denn nur von ihr erhált sie die gestalterischen Kráfte, sondern um an ihr mit den Augen des Káufers, eines weniger begüterten griechischcn oder römischen Menschen, den Gang der gewaltigen antiken Kultur- und Stilgeschichte zu verfolgen. Hier in dieser Schicht werden wir aber auch vieles finden, was die grofte Plastik uns nicht überliefert hat. Formen, die aus der Kunst verschwunden sind, habén die kleinen Werke in Ton bewahrt. Wo anders als in der Terrakottaplastik habén wir die Gestalt der Xoana, die uralten Kultbilder erhalten. Auch Vorstellungen, die in die schriftlich Uberlieferung und die grófién Kunstwerke nicht eingedrungen sind, lassen sich an den Tonfiguren ablesen. So erkennt man aus den Grabbeigaben des 6. und 5. Jhdts. eine Füllé volksreligiöser Strömungen. Die antiké Terrakottaplastik gibt eben nicht nur ein getreues und durch die Umsetzung in ein anderes Material reizvolles Abbild der griechischen Formengeschichte, sondern verhilft auch zu einem tieferen Verstándnis des allumfassenden Zusammenhanges von Leben und Kunst. Wenn sich heute eine Sammlung griechischer und römischer Tonfiguren in ihrer bunten Füllé, in ihrem Reichtum der Gestalten und Formen darbietet, so dafi tatsáchlich eine ganze Welt" in ihr einbeschlossen ist, so dürfen wir nicht vergessen, dafi auch eine solche Sammlung ein organisches Gebilde ist, dessen Geschicke volle Beachtung verdienen.