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Belgrad, 11. Juni 1903
IM KAFFEE „TAKOVO" ZU BELGRAD PACKEN DIE Zigeuner die Instrumente ein, gähnend wartet der Kellner, bis die letzten Gäste, ein paar mürrisch vor sich hinblickende Offiziere, zahlen. Der lange, hagere Ingenieurleutnant Milutin Lazarevic sitzt in seinem hochgeschlossenen schwarzen Gummimantel wie eine Fahne im Futteral zwischen seinen blanken Kameraden, winkt den Kellner heran und fragt, was denn los sei, daß man heute schon Schluß mache. Der Kellner wischt mit seiner Serviette den Tisch ab und zuckt die Achsel: „Das Sängerfest, Euer Hoch-wohlgeboren. Alles ist müde und schläfrig. So ein Fest macht Arbeit." Vom Hafen herauf tönt das langgezogene Heulen einer Dampfersirene. „Eben fahren die letzten Festgäste hinüber nach Semlin." Die Offiziere stehen auf und beschließen, hinüber ins Kafí"ee „Bulevar" zu gehen, drüben sei noch Musik. Sie nehmen den langen Ingenieurleutnant im schwarzen Gummimantel in ihre Mitte: „Achtung, Milutin", warnen sie ihn, „da sind Stufen." Lazarevié geht steif wie ein Besenstiel und hebt die Füße wie ein Blinder. Nach ein paar Schritten bleiben die Offiziere stehen und lauschen. Aus dem Garten des Konaks herüber schallt schmetternde Blechmusik, die Gardekapelle spielt „An der schönen blauen Donau".
„Ein langes Abendkonzert", meint ein Offizier, „die werden heute gut schlafen."
I.
„DAS DORT, RECHTS VON HOHENLOHE, DAS ist also die berühmte Madame Bizenko ?" fragte Graf Czernin seinen Tischnachbar, den österreichischen Gesandten von Merey; der Graf war eben, am 20. De-zemberl917, von Wien nach Brest-Litowsk gekommen und nahm zum ersten Male an einem gemeinsamen Diner mit den Russen in der Stabsbaracke von Ober-Ost in der Zitadelle teil.
„Madame Bizenko", erwiderte Merey, „die Primadonna der gegenwärtigen Weltpolitik, ist der einzige weibliche Schmuck unserer Tafel." Czernin ließ seinen Blick über diese seltsame Tafel wandern, welcher der etwas dem Kaiser Franz Joseph ähnliche Prinz Leopold von Bayern präsidierte : da saßen mit sonnengebräunten geschlossenen Gesichtern deutsche, österreichische, türkische, bulgarische und russische Offiziere und zwischen ihnen die blassen, bebrillten Juden wie kleine Fenster in einer großen Mauer, durch die eine fremde Welt hereinblickt. Dann waren die Diplomaten da, höflich vorgebeugt, mit Gesichtern, die weniger ihnen als ihren Familien zu gehören schienen, die so lässig sprachen, als teilten sie Karten aus. — Ja — und zwischen ihnen allen saß, das häßliche Gesicht von einem Vorhang des Kummers verschleiert, Madame Bizenko, die einzige Frau.
„Ein wenig schlicht für eine Primadonna", sagte
I.
OB MAN HOFFEN DÜRFE, FRAGTE DER Obersthofmeister Fürst Montenuovo leise die beiden Ärzte, die nach der Morgenvisite aus dem Arbeitszimmer des Kaisers traten. Das Fieber sei gewichen, meldete Generalstabsarzt Kerzl, aber die allgemeine Mattigkeit habe zugenommen; Seine Majestät gehöre ins Bett. Langsam kamen die beiden greisen Generaladjutanten des Kaisers näher: da sei alles umsonst, ließ sich Graf Paar vernehmen, da helfe weder Bitten noch Zureden, Seine Majestät lege sich eben nicht, Seine Majestät wisse, daß sie dann nicht mehr aufstehen werde. Baron Bolfras bestätigte dies durch eine müde Handbewegung, und der diensttuende Flügeladjutant Oberst Spanyik wußte zu melden, daß der Kaiser schon seit vier Uhr morgens am Schreibtisch sitze, obwohl er so müde sei, daß er immer wieder den Kopf aufstützen müsse. Ein klein wenig Hoffnung bleibe noch, versuchte der Konsiliarius Professor Ortner die beiden alten Generaladjutanten zu trösten; der Entzündungsherd habe sich nicht weiter ausgedehnt, die Nacht sei verhältnismäßig ruhig gewesen. „Wir danken Gott auch für die kleinste Hoffnung, die uns bleibt", erwidert der Obersthofmeister, „aber das, was wir hören müssen, ist zu wenig, um unsere Sorgen von uns zu nehmen. Wollen wir uns keines schweren Versäumnisses schuldig machen.