Bővebb ismertető
An den Leser Ich sitze im Wartesaal eines grófién Bahnhofs. Mein Blick - der Blick des geborenen Sdiriftstellers - schweift über den Raum und über die andern Wartenden, schweift über den Menschen und sein Antlitz. Ganz besonders interessiert midi ein Herr, der an der gegenüberliegenden Wand sitzt und Zeitung liest. Ich betradite ihn schon seit langerer Zeit. Eigentlich betrachte ich nur ihn. Er liest die Zeitung von heute, Freitag, die Wochenend-Ausgabe, die wieder eine meiner unvergleichlichen Kurzgesdiichten enthált; eine ganz hervorragende, eine - wie ich in aller Bescheidenheit sagen möchte - nahezu geniale Geschidite. Natürlich habe ich die Wochenend-Ausgabe lángst gelesen, und da idi dank meinem ausgezeichneten Erinnerungsvermögen nicht nur den gesamten Inhalt, sondern audi seine Anordnung im Gedáditnis behalten habe, bin ich in der Lage, den Herrn an der Wand beim Bláttern und Lesen sachkundig zu beobachten. Je nachdem, was er als erstes liest, werde ich seinen Lebensstandard bestimmen können, seine Bildung, seine Weltanschauung, bis zu einem gewissen Grad sogar seine seelisdie Verfassung. Manche Leute lesen als erstes die Tagesneuigkeiten, manche die Filmkritiken, mandie die Selbstmordnachriditen. Daraus kann man sehr interessante Schlüsse ziehen, wenn man kann. Vor dem Wissenden liegt der Zeitungsleser wie ein offenes Buch. Dieser Mann, zum Beispiel, ist ein Idiot. Er hat die Seite mit meiner Geschichte erreidit und hat weitergebláttert. Um die Wahrheit zu sagen: ich habe gar nicht erwartet, dafi er meine Geschichte lesen wird. Eines schickt sich nicht für alle. Es gibt Menschen, die von Gott das Himmelsgeschenk des Humors mitbekommen habén. Andere wieder sind verurteilt, humorlos durdis Leben zu gehen. Wie dieser Idiot hier. Er soll meine Geschichte gar nicht lesen. Keine Gefálligkeiten, bitté. Es ist allerdings ein peinliches Gefühl, sich in der unmittelbaren Nachbarschaft eines erwachsenen Menschen zu wissen, dessen Intelligenzniveau ungefáhr dem eines dreijáhrigen Kindes entspricht. Vermutlich ein Kleingewerbetreibender oder in irgendeinem andern trostlosen Erwerbszweig tatig. Wahrhaftig, er tut mir leid. 7