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Sie erhob sich mit einem Ruck und trat ans Fenster. Das Sprechzimmer hatte eine gute Lage, mit dem Blick auf die Gartenanlagen, aber zuweilen fühlte sich Linda dennoch darin eingeschlossen und beengt. Sie versuchte ärgerlich, die zunehmende Depression abzuschütteln. Hatte sie sich vielleicht über irgend etwas zu beklagen? Im Gegenteil: Sie sollte sich glücklich preisen, daß die schwierigen Anfangsmonate hinter ihr lagen und sie sich gut eingearbeitet hatte. Die Kollegen erkannten sie als absolut gleichwertig und gleichberechtigt an - andernfalls hätte sie den Posten im Melson-Krankenhaus gar nicht bekommen. Die Patienten hatten Zutrauen zu ihr, und das wog schwerer als die Tatsache, daß sie beim untergeordneten Personal nicht sonderlich beliebt war. Oder bildete sie sich letzteres nur ein?Sie kühlte die müde Stirn an der Fensterscheibe und ließ ihre Gedanken mit einem kleinen, trübseligen Lächeln zu dem Tage zurückschweifen, an dem sie, als einzige Frau, über mehrere männliche Konkurrenten gesiegt und die vakante Arztstelle im Krankenhaus erhalten hatte. Das Melson-Hospital war das vorläufige Ziel ihrer kühnsten Träume, ihres ganzen Ehrgeizes gewesen. Sie hatte, als die Aufforderung an sie erging, sich dann und dann persönlich beim Prüfungsausschuß vorzustellen, tagelang weder essen noch schlafen können. Die Uberzeugung, daß sich außer ihr mehrere Männer um dieselbe Stellung bewarben, hatte ihr fast jede Hoffnung geraubt, und nie hatte sie ihr Geschlecht mehr verwünscht als bei dieser Gelegenheit.Sie hatte den Posten bekommen. Die Prüfung selbst war ihr nur als ein verschwommener Angsttraum im Gedächtnis geblieben; sie war damals festüberzeugt gewesen, daß sie durchgefallen war. Sie fragte sich noch heute, womit sie eigentlich das Vorstandskomitee zu ihren Gunsten gestimmt hatte. Die Mitbewerber im Wartezimmer waren ihr sämtlich überlegen vorgekommen. Besonders bei dem einen hätte sie darauf geschworen, daß er der Auserwählte sein würde; er sah so auffallend gut aus . . .Linda wandte sich vom Fenster ab und zuckte ungeduldig die Achseln.Sie blieb unwillkürlich vor dem Spiegel über dem Waschbecken stehen. Sie war keine Filmschönheit, aber man durfte in aller Nüchternheit zugeben, daß sie einen angenehmen Anblick bot. Der Gegensatz zwischen den hellgrauen Augen und dem dunkelblonden Haar gab ihrem feingeschnittenen Gesicht das gewisse Etwas. Sie war mittelgroß und schlank und achtete von jeher auf ihre Haltung. Also . warum hätte sie hinter jenem gutaussehenden jungen Mann zurückstehen sollen?Nun hör aber endlich auf mit dem Blödsinn! wies sie sich innerüch beinahe zornig zurecht, indem sie sich wieder an den Schreibtisch setzte. Der Vorstand hat dich gewählt, folglich wirst du wohl trotz aller Prüfungsangst mehr Kenntnisse bewiesen haben als die andern. Kannst du damit nicht zufrieden sein?Aber sie war nicht zufrieden. Irgend etwas fehlte ihr. Sie wußte selbst nicht, was sie bei ihrem Eintritt ins Melson-Krankenhaus eigentlich erwartet hatte, aber es war auf jeden Fall mehr gewesen. Vielleicht hatte sie gehofft, mit der Kollegenschaft und dem Personal zu einer Art idealer Einheit zu verschmelzen, aber sie war bisher auf schwer beschreibbare Weise Außenseiterin geblieben. Man behandelte sie freundlich