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Einführung
Die Bedeutung der griechischen Kunst erschöpft sich nicht in den nationalen Grenzen des Griechentums und Griechenlands, sondern eine ihrer wichtigsten Eigenschaften dürfte sein, daß sie sich in andere Gebiete und auf andere Völker übertragen ließ.
Die Ausstrahlung der griechischen Kunst, die in Athen ihren geistigen Mittelpunkt hat, auf Italien, das seinen politischen Mittelpunkt in Rom erhalten sollte, ist nicht nur die wegen der Weiterentwicklung der europäischen Kunst wichtigste, sondern auch die methodisch interessanteste, weil hier drei Stufen oder Arten zu unterscheiden sind, wie diese Ausstrahlung aufgenommen wird.
Die Griechen, die in ihren Kolonialstädten Süditaliens und Siziliens (Großgriechenland) wohnten, waren die Schöpfer einer griechischen Kunst, die durch die Besonderheit der oft zusammengewürfelten Bevölkerung und der geographischen Lage eine ganz besondere Färbung erhielt. Die Etrusker zeigen das einmalige, in dieser Form jedenfalls nie wieder belegbare Bild einer Kunst, die stürmisch das griechische Formengut aufnimmt, griechische Kunst importiert, wohl auch griechischen Künstlern Betätigungsmöglichkeiten bietet, jedoch durch intensive Verarbeitung des Fremden, durch Umgestaltung und Durchdringung mit italischen ästhetischen Begriffen etwas unverkennbar Eigenes schafft. Die Römer bieten das wiederum einmalige Beispiel einer Volksgruppe, die jede Tätigkeit auf dem Gebiet der bildenden Kunst mit einer Entschiedenheit und Zähigkeit ablehnt, die ohnegleichen ist. Sie verwendet jedoch die Kunstfertigkeit auswärtiger Künstler für ihre Bedürfnisse. Hier in Rom treffen sich daher die italisch-etruskische, unteritalisch-griechische und letztlich auch die griechische Kunst, die in der neuen Hauptstadt der Welt im Dienste der Römer ein letztes Kapitel an ihre lange Geschichte anfügte, die Kunst des römischen Weltreiches.
VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUR RÖMISCHEN WELTHERRSCHAFT
Dem völligen Aufgehen der griechischen Kunst in der »römischen«, das dem Aufgehen Griechenlands in dem römischen Weltreich entsprach und Teil einer allgemeinen geistigen Neuorientierung der Römer war, hatte ein Ereignis den Boden bereitet, das den Römern zum ersten Male die Augen für den ästhetischen Reiz griechischer Kunstwerke öffnete, für den sie vorher unempfänglich waren.
Mitten im Zweiten Punischen Krieg, bald nach der schweren römischen Niederlage bei Cannae und in demselben Jahre 211 v. Chr., in dem »Hannibal vor den Toren« Roms stand, zeigte M. Claudius Marcellus den neugierig zusammenströmenden Römern die griechischen Kunstwerke, die er als Beute aus dem von ihm eroberten Syrakus nach Rom gebracht hatte. Er löste damit eine Welle der Begeisterung unter seinen Landsleuten aus, welche nun viele Stunden des Tages damit zubrachten, die schönen Statuen und Gemälde zu betrachten, sich an ihnen zu erfreuen und sich untereinander über Kunst und Künstler zu unterhalten (Plut. Marc. 21. Liv. 34, 4).
In Rom hatte es vordem nichts Ähnliches gegeben, und die Römer alten Schlages wehrten sich gegen eine solche hemmungslose Hingabe an das Neue, Fremde und Unnötige, das doch nur zum Müßiggang verführe; doch sie konnten nichts ändern und den Gang der Dinge nicht aufhalten. »Während des Zweiten Punischen Krieges gesellte sich die Muse zu dem wilden, kriegerischen Geschlecht des Romulus« (Porcius Licinius).