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Fontane - Geschichte eines Lebens
I^ch war immer ein sciiwerfäili-ger Arbeiter, brauclite, aucli in meinen besten Tagen, immer schreclilicli viel Zeit": Man möchte dieser kritischen Selbstbetrachtung, die Theodor Fontane als 75jähriger in einem Brief einmal ^geäußert hat. kaum Glauben schenken angesichts der Ausdehnung seiner schöpferischen Leistung und der Leichtigkeit des literarischen Stils, den er so hervorragend beherrschte. Seine ersten Erfolge als Schriftsteller feierte Fontane als Balladendichter, dann als märkischer Wanderer. Erst später entfaltete er seine erzählerische Begabung. Mit meisterhaft gestalteten Gesellschaftsromanen gelang es ihm schließlich, endgültig in die Geschichte der Literatur einzugehen. Der Umfang seines Schaffens ist immens: Neben den Erzählungen, Novellen, Romanen und autobiographischen Schriften gehören etwa 1 000 Gedichte, Tagebücher von rund 2 200 Seiten, unzählige Zeitungsartikel, Causerien über Theaterstücke und Literatur sowie eine unüberschaubare Menge an Notizen zu seinem Werk. Überdies ist Fontane ein unermüdlicher Briefschreiber gewesen: Man schätzt, daß er etwa 10 000 bis 12 000 Briefe verfaßt hat, von denen bislang erst etwa die Hälfte bekannt geworden ist. „Fontane würde zur großen deutschen Literatur gehören", urteilte der Philologe Hans-Heinrich Reuter, „auch wenn von ihm nichts überliefert wäre als seine Briefe."
Nicht nur die autobiographischen Schriften oder Tagebucheintragungen sind es, die Aufschluß über Fontanes Leben geben; vielmehr scheint sein ganzes Werk ein Spiegel seiner Persönlichkeit zu sein. „Alles, was ich gegeben habe", schrieb Fontane 1878 an den Verieger Wilhelm Hertz, „ist nichts als der Ausdruck meiner Natur." Besonders die Briefe, deren Tonfall Thomas Mann als „Begleitmusik zu den großen Spätwerken" bezeichnet hat und in denen man die Stimme eines Dubslav von Stechlin oder des Herrn von Briest zu
hören glaubt, enthalten eine Vielzahl von Äußerungen, die Einblick in die Persön-liclikeit des Dichters erlauben. Doch hat er es jenen Biographen nicht leichtgemacht, die in dem reichhaltigen Angebot von Selbstzeugnissen einen geradlinigen Verlauf seiner Entwicklung zu suchen bestrebt sind. Immer wieder verwirren die zahlreichen Widersprüche in seiner persönlichen ebenso wie literarischen Biographie und die scheinbare Willkür seines Handelns, so daß in der Fontane-Forschung der Begriff „Ambivalenz" schon zu einem geflügelten Wort geworden ist. „Das menschliche Herz ist sehr kompliziert", schrieb Fontane einmal an seine Frau. Er wußte genau, wovon er sprach, denn das seine gehörte sicherlich zu den kompliziertesten. Wie sonst ließe sich erklären, daß er zunächst als Sänger des traditionellen Preußen auftrat und mit „Acht Preußenliedem" eine Art Heldenepos schrieb, sich wenig später jedoch, während der Märzrevolution, unter die Berliner Aufständischen mischte und mit Äußerungen wie „Preußen muß zerfallen" und „Preußen war eine Lüge" viel Aufsehen erregte? Wie soll man seine Mischempfindungen gegenüber dem Adel verstehen? War die Zuneigung zum märkischen Junkertum vielleicht nur poetischästhetischer Natur, während die Abneigung eher seine politische Überzeugung widerspiegelte? Oder hatte sich seine Haltung mit den Jahren dem Gebot einer neuen Zeit gebeugt, als er 1896 schrieb, daß „die bessere Welt erst beim vierten Stand anfängt?"
Wo soll man ihn also einordnen? Mit Recht sagte Friedrich Seebass, man „könne aus dem gleichen Fontane mit seinen eigenen Worten einen Ultraroyalisten, einen waschechten Reaktionär, aber auch einen Parteigenossen des vierten Standes, ja einen Kommunisten machen." Folgt man der Theorie, daß die Persönlichkeit eines Menschen im Wechselspiel zwischen individueller Veranlagung und den Einflüssen der Umwelt reift, dann dürften für Fontanes Entwicklung bereits die Schauplätze seiner Kindheit, der Kontrast zwischen dem „spießbürgerlichen" Neuruppin und dem poetischen Leben in Swinemünde, von prägender Bedeutung gewesen sein. Der Nährboden aber, auf dem seine Seelenzwiespältigkeit gedieh, war durch das elteriiche Erbe, durch die charakterlichen Gegensätze von Vater und Mutter schon bestens vorbereitet.
Fontane führte die ungleichen Charaktere seiner Eltern auf die verschiedenartigen Volksstämme zurück, aus denen seine Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits hervorgegangen waren. „Mein Vater", so erinnerte sich Fontane, „war ein großer stattlicher Gascogner voll Bonhomie, dabei Phantast und Humorist, Plauderer und Geschichtenerzähler, und als solcher, wenn ihm am wohlsten war, kleinen Gasconaden nicht abhold; meine Mutter andrerseits war ein Kind der südlichen Cevennen, eine schlanke, zieriiche Frau von schwarzem Haar, mit Augen wie Kohlen, energisch, selbstsuchtslos und ganz Charakter, aber ( ) von so großer Leidenschaftlichkeit, daß mein Vater, halb ernst-, halb scherzhaft von ihr zu sagen liebte: ,Wäre sie im Lande geblieben, so tobten die Cevennenkriege noch."' Louis Henri Fontane (1796-1867), der Vater des Dichters im Alter von 63 Jahren. Die Bleistiftskizze fertigte der Oderbruchmaler Hclmuth Raetzer an.