Bővebb ismertető
Zu dieser Auswahl, die der Verlag getroffen hat im Einverständnis mit dem Verfasser, wäre zu sagen, daß sie nicht die Struktur des Werkes, dem die Texte entnommen sind, wiederzugeben versucht. Das TAGEBUCH 1946-1949, erschienen 1950 im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, stellt diese Texte in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang, soweit der Verfasser ihn darzustellen vermag in persönlichen Augenzeugenberichten aus den Nachkriegsländern (Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich, Tschechoslowakei, Polen, wo der Verfasser an dem Internationalen Kongreß der Intellektuellen für den Frieden in Wroclaw, 1948, teilgenommen hat). Die Beschäftigung mit Bert Brecht ist in einem zweiten TAGEBUCH 1966-1971 fortgesetzt worden. Zu den Reden, die zusätzlich in diesen Band aufgenommen sind: Es handelt sich, wie aus der Datierung hervorgeht, um Stationen eines Weges zu einem politischen und literarischen Bewußtsein, das heißt, der Verfasser versteht sie keineswegs als endgültige Standortbestimmungen.
Mai 1973 Max Friscli
Du sollst dir kein Bildnis machen
Es ist bemerkenswert, daiJ wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, daß sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, daß jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und daß auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, daß wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfaßbar ist der Mensch, den man liebt -Nur die Liebe erträgt ihn so. Warum reisen wir?
Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, daß sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei -Es ist ohnehin schon wenig genug.
Unsere Meinung, daß wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind - nicht weil v/ir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umge-