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Allgemeine Lage.
Die allgemeine Charakteristik dieses Jahres war einerseits das äußerliche Abflauen der Annexionskrise und der Anschein friedlicher Verhältnisse, anderseits aber die zunehmende Verdichtung des sich um Deutschland und Österreich-Ungarn schließenden Ringes, die sichtlichen Kriegsvorbereitungen ihrer Gegner und die daraus entspringende Forderung, auch die eigenen Machtmittel auf größtmögliche Höhe zu bringen. Dies in meinem Wirkungskreis zu fördern, bildete, nebst den sonstigen normalen Obliegenheiten meiner Stellung, das Wesentliche meiner beruflichen Tätig keit im Jahre 1910. Der Zusammenhang der letzteren mit den außen politischen Vorgängen macht ein Hinweisen auf diese Vorgänge nötig und zwar sowohl auf die großen bewegenden Kräfte, die unter der Kruste friedlichen Scheines wirken, bis die Stunde gewaltsamer Entladung heran reift, als auch auf die kleinen Ereignisse, die bis dahin bemüht sind klaffende Risse in dieser Kruste zu übertünchen. Die Diplomatie der Mittelmächte war hauptsächlich auf das Übertünchen bedacht, während die Diplomatie der Ententemächte, sowie Italiens die großen bewegenden Kräfte erfaßte und für ihre Ziele nützte.
Deutschland. Deutschland, wo am 14. Juli 1909 Herr von Bethmann Hollweg dem Fürsten Bülow als Reichskanzler gefolgt war, stand iimerpolitisch, nach Annahme der großen Reichsfinanzreform, im Kampfe um das von den Sozialdemokraten und der Volkspartei geforderte gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für Preußen, das im Mai 1910 zunächst eine Ablehnimg erfuhr. Die Geister bewegte ferner die Verwahrung gegen das gegen den Protestantismus gerichtete Rundschreiben Papst Pius X., der schheßhch nachgeben mußte.
Mit Frankreich war Deutschland nach dem Marokko-Abkommen (19. Feber 1909) zu einem vorübergehenden modus vivendi gelangt, der sogar in Deutschlands Mitbeteiligung an der société marocaine des travaux publics Ausdruck fand. Auch gegenüber Rußland gab die Zusammenkunft Zar Nikolaus II. mit Kaiser Wilhelm II. am 4. November 1910 in