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Hermann Glaser
Kultur und Gesellschaft in der Bundesrepublik
Eine Profilskizze 1945-1990 I.
In seiner wohl letzten Arbeit („Über den Begriff der Geschichte"), ehe er sich 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Spanien das Leben nahm, entwarf Walter Benjámin, anknüpfend an ein Bild von Paul Klee („Angelus Novus"), ein Bild vom Engel der Geschichte — ein Text, der zum GröBten gehört, „was unser Jahrhundert an deutschsprachiger Prosa hervorgebracht hat"'). Er scheint im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausge-spannt. „Er hat das Antlitz der Vergangenheit zu-gewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablassig Trümmer auf Trümmer hauft und sie ihm vor die FüBe schleudert. Er möchte wohl ver-weilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Para-diese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daB der Engel sie nicht mehr schlie-Ben kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, wahrend der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wachst. Das, was wir Fortschritt iiennen, ist dieser Sturm."2).
1946 veröffentlichte der Historiker Friedrich Mei-necke „Betrachtungen und Erinnerungen", die er „Die deutsche Katastrophe" nannte. Indem man,
Diesem Überblick Hegen folgende Darstellungen des Verf. zugrunde: Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Band 1: Zwischen Kapitulation und Wahrungsreform 1945—1948; Band 2: Zwischen Grundgesetz und Grojier Koalition 1949— 1967; Band 3: Zwischen Protest und Anpassung 1986-1989, München 1985, 1986, 1989; als Ta-schenbuchkassette Frankfurt 1990. Eine „Kleine Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland" erscheint im Frühjahr 1991.
') Matthias Rüb. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her. Eine Gedenkausstellung zum Leben und Werk Walter Ben-jamins in Marbach am Neckar, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. September 1990.
2) Walter Benjámin. Gesammelte Schriften. I. 2 hrsg. von
Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhauser. Werkaus-gabc Band 2. Frankfurt 1980. S. 697 f.
und zwar mit Recht, die bisherige deutsche Geschichte Grau in Grau male, ihre Irrwege, Holz-wege, Sackgassen aufzeige, ergebe sich bei Einkehr und Umkehr die Möglichkeit, ein „neues, zwar ge-beugtes, aber seelisch reineres Dasein zu beginnen und den EntschluB zu starken, für die Rettung des uns verbliebenen Restes deutscher Volk- und Kul-tursubstanz den uns verbliebenen Rest der eignen Kraft einzusetzen". Dem hatte auch die Verwirkli-chung eines Wunschbildes zu dienen, das dem Au-tor „in den furchtbaren Wochen nach dem Zusam-menbruch in den Sinn kam": In jeder deutschen Stadt und gröBeren Ortschaft sollten sich gleichge-richtete Kulturfreunde zu einer Gemeinschaft im Namen Goethes zusammenfinden; diesen „Goethe-gemeinden" würde die Aufgabe zufallen, „die le-bendigsten Zeugnisse des groBen deutschen Geistes durch den Klang der Stimme den Hörern ins Herz zu tragen — edelste deutsche Musik und Poesie zugleich ihnen immer zu bieten"3).
Walter Benjámin beschwor als apokalyptische Vision geschichtliche Endzeit. Die tiefe Ratlosigkeit, die den aller bürgerlicher Sicherheit beraubten, in die gesellschaftliche und individuelle Einsamkeit verstoBenen Denker erfaBt hatte, wurde wenig spa-ter, im Herbst 1944, „weit vom SchuB" (alsó aus der Distanz des Emigranten, was Reflexion ermög-lichte), von Theodor W. Adorno auf den Begriff gebracht und auf die aktuelle Situation bezogen: „Der Gedanke, daB nach diesem Krieg das Leben .normál' weitergehen oder gar die Kultur .wieder-aufgebaut' werden könnte — als ware nicht der Wiederaufbau von Kultur alléin schon deren Nega-tion —, ist idiotisch. Millionen Juden sind ermordet worden, und das soll ein Zwischenspiel sein und nicht die Katastrophe selbst. Worauf wartet diese Kultur eigentlich noch?" Selbst wenn Ungezahlten Wartezeit bliebe, könnte man sich nicht vorstellen, daB das, was in Európa geschah, keine Konsequenz hatte, daB nicht die Quantitat der Opfer in eine neue Qualitat der gesamten Gesellschaft, die Bar-barei, umschlüge. „Solange es Zug um Zug weiter-
3) Friedrich Meinecke. Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen. Wiesbaden 1946. S. 174ff.
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