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Vorwort der Neuaus^abc 2003.Goethes Leben und Schreiben in Weimar.Als der Dramatiker Friedrich Hebbel 1858 Weimar besucht, sind seine Eindrücke mehr als ernüchtert: Alles unglaublich eng und klein! Dabei erfahre ich denn, was ich freilich schon wußte und was der Bestätigung kaum noch bedurfte, daß ich es auf die Länge nimmer und nimmer in einem solchen Circus aushielte. Immer dieselben Schecken und dieselben Reiter; sonntags die rote Schabracke und montags die graue. Die Zunge rein überflüssig; einer weiß, was der andere denkt, bevor er den Mund noch auftut. Nein, lieber Hyänen zähmen als Lämmer streicheln! In Weimar muß man entweder Goethe oder - sein Schreiber sein!Fast alle der Dramen, die in dieser bibliophilen Ausgabe vorliegen, sind in Goethes Weimarer Jahren entstanden. Weimar bietet dem Dramatiker Goethe ideale Bedingungen, Theaterstücke zu entwerfen und diese dann sogleich auf der Bühne zu verwirklichen; seine praktische Arbeit mit den Weimarer Schauspielern fließt unmittelbar in sein Schreiben ein. Trotz allem stellt Weimar nicht nur die besten Möglichkeiten für einen Dichter bereit, Goethe erlebt dort vielmehr zahlreiche Enttäuschungen und Frustrationen, auch unproduktive Phasen. Deswegen lohnt ein Blick zurück auf die kleine Residenzstadt an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.Weimar hat zunächst so gar nichts mit dem zu tun, was man als geistiges Zentrum der IQassik oder den Musenhof bezeichnen mag. Noch 1830 berichtet ein Zeitgenosse: Wenn irgendeine Stadt der Imagination Streiche spielt, so ist es Weimar. Sein Ruf geht vor ihm her wie vor großen Männern, und man findet ein kleines, totes, schlecht gebautes, recht widriges Städtchen; es gibt dort, das Schloß ausgenommen, fast gar nichts Ausgezeichnetes. Das Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach selbst gehört mit 110.000 Einwohnern zu den kleineren Territorialstaaten des Deutschen Reiches; seine Hauptstadt Weimar zählt im Jahre 1779 sogar nur 6.041 Einwohner, ist also alles andere als eine große, feudale Residenz. Weimar besteht zu diesem Zeitpunkt aus etwa 600 bis 700 Häusern, die meist einstöckig oder höchstens zweistöckig gebaut sind, und eine einfache Rechenaufgabe bringt schnell ein Hauptproblem Weimars am Ende des 18. Jahrhunderts zutage: Teilt man Häuserzahl durch Einwohner, so folgen daraus Wohnungsnot und hohe Mieten. Neuankömmlinge, die sich in Weimar niederlassen wollen, schildern einhellig die Schwierigkeiten, passende Wohnräume zu finden; auch erscheint ihnen die Stadt eher ländlich geprägt: Die Straßen sind schlecht, voller Schmutz und Kot und können häufig nur mit Hilfe von Schrittsteinen oder Sänften passiert werden. Da lange Zeit sich in der Stadt selbst noch landwirtschaftliche Flächen befinden, läuft Vieh auf den Straßen herum. Geschäfte gibt es wenige, eine eigene Poststelle erhält Weimar erst 1783. Vorher müssen alle Briefe und Pakete per Boten befördert werden. Herder nennt den Ort, in dem er ab 1776 wohnt, denn auch das unselige Mittelding zwischen Hofstadt und Dorf. Weimar beansprucht vor der Ankunft zahlreicher Dichter, Philosophen und anderer Gelehrter keinerlei überregionale wirtschaftliche oder kulturelle Bedeutung, höchstens im Negativen: die Kriminalitätsrate ist höher als anderswo, besonders Diebstähle häufen sich. Nun stelltVIII