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Vorwort
„Als ich Canterbury erreichte", schrieb Charles Dickens in David Copperfield, „schlenderte ich mit einer genießerischen Nüchternheit durch die alten Straßen, die meinen Geist beruhigte und mein Gemüt befreite. Da waren die alten Schilder, die alten Namen über den Läden die ehrwürdigen Türme der Kathedrale die arg mitgenommenen Torwege die alten Häuser Bei Dickens wird, wie bei vielen Schriftstellern, ein tiefer Eindruck von einem Ort oft durch eine Beschreibung erzielt, die eng mit architektonischen Formen verknüpft ist. Solch ein Bewußtsein des Wertes und der Eigenart der Umwelt schafft nicht nur ein vertrautes Bezugssystem, es ist vielmehr ein Reflex der fortwährenden Beschäftigung mit unserer Umgebung.
Bauten und Architektur spielen bei dieser Beschäftigung mit der Umgebung eine große Rolle; daß ihre Grundlagen besser verstanden und gewürdigt werden, ist Ziel dieses Buches. Dabei soll der Versuch unternommen werden, den Schleier des Geheimnisvollen etwas zu lüften und zu zeigen, daß Architektur weder so anspruchsvoll ist, wie manche uns glauben machen wollen, noch so elementar, wie viele vorgeben, sondern daß sie für jedermann auch ohne Vorkenntnisse verständlich ist.
Für viele stellt das Wort Architektur einen Oberbegriff für alle möglichen Bauten dar, ob sie nun gelungen sind oder nicht; dieses Mißverständnis hängt mit der Tatsache zusammen, daß der Begriff, der zuerst Mitte des 16. Jahrhunderts benutzt wurde, von dem lateinischen Wort architectura abgeleitet ist, welches wörtlich Handwerksmeister oder Baumeister bedeutet. Im 19. Jahrhundert schrieb Ruskin, Architektur sei nichts als die Anwendung von Ornamentik auf Bauten. Andere haben zwischen Architektur und Bauten unterschieden und sie als verschieden, doch verwandt bezeichnet. In seinem Buch Europäische Architektur betrachtet Sir Nikolaus Pevsner eine Kathedrale als Architektur, einen Fahrradschuppen als Gebäude; dabei stellen alle umbauten Räume, die groß genug sind, daß sich ein Mensch darin bewegen kann, Bauten dar, während der Begriff Architektur solchen Bauwerken vorbehalten bleibt, die mit dem Ziel entworfen wurden, einen ästhetischen Reiz zu beinhalten.
Die Unterscheidung zwischen Bauten und Architektur wird verständlicher, wenn wir uns den Gedanken zu eigen machen, daß es zuerst Bauten gab, dann Bauten mit Ornamenten und schließlich Architektur. Die frühesten menschlichen Wohnstätten waren ein Unterschlupf, der dadurch entstand, daß man natürliche Höhlen vergrößerte oder daß ein Gang in Klippen getrieben wurde. Die Entwicklung elementarer Konstruktionsformen, wie der Pfosten mit Querbalken und die Errichtung der ersten wasserdichten Bauten auf freiem Gelände, fielen mit den ersten primitiven kulturellen Bemühungen des Menschen zusammen, nämlich als er versuchte, diese Konstruktionen mit Ornamenten zu verzieren. Der nächste Schritt bestand dann darin, den Gedanken in Frage zu stellen, daß das Gebäude zuerst errichtet und erst dann geschmückt werden sollte. Warum sollte man das Gebäude selbst nicht so gestalten, daß es nicht mehr nachträglich verziert werden mußte? Das hieß, mit Architektur zu beginnen.
Die am häufigsten zitierte Definition von Architektur stammt von Sir Henry Wotton, der in The Elements of Architecture (1624) schrieb, daß Architekturdrei Bedingungen erfüllen müsse: Festigkeit, Annehmlichkeit und Wohlgefallen. Festigkeit bedeutete, daß mit gutem Material solide gebaut wurde; Annehmlichkeit drückte aus, daß die Architektur ihrem Zweck angepaßt war; Wohlgefallen sollte sie dem kritischen Betrachter bereiten. Bauten wurden durch eine Synthese aller drei Bestandteile zu Architektur umgewandelt.
Architektur ist deshalb keine umfassende Bezeichnung für alle Bauten; das Wort stellt vielmehr einen qualitativ unterscheidenden Begriff für Bauten dar, die besonders gelungen sind. Alle Architekturbedarf guter Planung und guter Ausführung. Wenn wir jedoch akzeptieren, daß es sowohl Bauten wie auch Architektur gibt, müssen wir auch das Vorhandensein von zwei parallellaufenden Traditionen sehen, von denen die erste eine regionale Tradition darstellt, wie beispielsweise in den einfachen, zweckdienlichen Konstruktionen des Mittelmeerraumes, die zweite eine recht prunkvolle Ausgestaltungstradition, wie etwa Versailles. Die erste steht in direktem Zusammenhang mit dem Leben und den Tätigkeiten der Menschen, wogegen die