Bővebb ismertető
Fünfzig Jahre sind eine lange Spanne Zeit im Raum eines Menschenlebens, aber
ein Augenblick in der Geschichte eines Landes.
Die fünfzig österreichischen Jahre des Burgenlandes könnten jener historische
Augenblick sein, in dem das Land nach Jahrhunderten dumpfen Grenzlandschick-
sals zu hellem Bewußtsein erwacht ist. Wie in einen Spiegel hat es in die neue
Situation geblickt und dabei sich selbst entdeckt. Im Erkennen der räumlichen und
geistigen Möglichkeiten, die sich ihm bieten, tut es die ersten Schritte zur gültigen
Selbstdarstellung. Eine solche Darstellung offenbart sich am deutlichsten in der
Dichtung, in der Literatur.
Wo ist nun das Wort, das vom Wesen dieses Landes aussagt?
Das junge Land selbst hat es noch nicht gesprochen, noch ringt es um seinen dich-
terischen Ausdruck.
Land ohne Dichter! Literatur ohne Tradition! Rasch geprägte Schlagworte wiesen
auf eine Blöße hin, die in Wirklichkeit keine ist. Denn nicht von der Oberfläche her
darf man die Dinge betrachten, es gilt, Hintergründe aufzudecken, die zu den
wahren Zusammenhängen führen.
Das Burgenland kannte, bevor es als solches entstanden war, generationenlang
seine Muttersprache nur in der Mundart. Dieser Mundart verdankte das Volk an
der Grenze, daß es sein Wesen bewahrte. Doch aus dem Boden der Mundart wächst
keine große Dichtung. Und Wachsen braucht Zeit.
Die Bildungstraditionen, die in eine fremde Sprache führen, glaubte man abtun zu
können. Und doch haben sie sich als Kraft erwiesen, die dem Land seine Eigenart
gibt und es aus der Randposition in die Mitte rückt.
Die kulturelle Tradition des Burgenlandes liegt in der Öffnung nach Osten, und der
Blick zum Nachbarn zeigt die vielschichtige Tiefe gemeinsam er-lebter Jahrhunderte.
Das schuf eine Atmosphäre der Weite, schwer von Vergangenheit, „Grenze und
Anfangf< zugleich.
Große Dichter, auch wenn sie nur flüchtig mit diesem Raum in Berührung kamen,
haben das in der Begegnung mit dem Land intuitiv gespürt. Von „des Ostens
Schwelle und Vor-Raum" blickt man in eine neue, faszinierende Welt, und die
Werke, die aus dem Eindruck entstanden sind, suchen versonnen nach Wesen und
Deutung dieser Verzauberung.
Die nüchterne Wissenschaft der Literaturforschung vermißte zunächst die hervor-
ragende Leistung. Aber sie fand den fruchtbaren Boden des geistigen Austausches
dreier Nationen, und überrascht entdeckte sie in diesem Gebiet vielfacher Verflech-
tungen die Ahnenheimat großer Söhne.
Aus der Begegnung der Völker untereinander, aus der dichterischen Begegnung des
einzelnen mit diesem Land ist der Beitrag gewachsen, den das Burgenland zur Welt-
literatur zu leisten vermag: Dichtung, gestaltet aus Impression und vielschichtiger
Überlieferung.
Fred Sinowatz