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Karl Dedecius
Einführung in die Lyrik des Gennadij Ajgi
Die Frage, ob es in der Sowjetunion zeitgenössische Dichter - außer Jewtuschenko und Wosnessenskij - und vor allem junge Dichtung gibt, muß heute nicht mehr gestellt werden. Die literarischen Reserven dieses riesigen Landes, in dem hundert verschiedene Volksstämme leben und ebenso viele Sprachen gesprochen werden, sind schier unerschöpflich. Nur sind uns die Erzeugnisse dieser Literaturen genauso fremd wie schon die Namen ihrer Sprachen selbst: Adygeisch, Burjatisch, Chantisch, Darginisch, Ewen-kisch, Kumykisch, Lesginisch, Nanaiisch, Tatisch, Uigu-risch, um nur einige von den vielen zu nennen. Dabei bezieht sich dieses Hundert nur auf Sprachen* die sich ihre Selbständigkeit bewahrt haben, von denen die meisten unterrichtet werden und ein eigenes, älteres oder jüngeres Schrifttum besitzen.
Seit Jahren reizt mich der Plan, auch einen Lyriker aus dem Bereich dieser »kleinen« Sprachen der Sowjetunion vorzustellen: zu erfahren, was außerhalb der monolithischen Mitte, am Rande ihrer Sprache und Grenze existiert, wie es - sofern es Eigenes überliefert oder zeugt -denkt und deutet, zu welchen Bildern es hinstrebt. Seit zehn Jahren etwa steht ein Name für mich fest - der des Tschuwaschen Gennadij Ajgi. Seine Gedichte waren die ersten und einprägsamsten, die mich auf Umwegen erreicht haben. Einige davon sind in russischer Ubersetzung in der Moskauer literarischen Presse veröffentlicht
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