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Vorwort Picasso und der »ägyptische Stil« Als Dank für ein Festessen, das er 1908 in seinem Atelier zu Ehren Henri Rousseaus gegeben hatte, erreichte Picasso ein Brief des »Zöllners«; er enthielt (der Überlieferung durch Daniel-Henry Kahnweiler zufolge) den Satz: »Wir beide sind die größten. Du im ägyptischen Stil, ich in der modernen Art.« Die Einschätzung kann als ein Beleg mehr für Rousseaus eigenwillige Sichtweise verstanden werden. Sie kann aber auch erhellen, was der Begriff »Stil« beinhaltet - und was er nur schwer...
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Vorwort Picasso und der »ägyptische Stil« Als Dank für ein Festessen, das er 1908 in seinem Atelier zu Ehren Henri Rousseaus gegeben hatte, erreichte Picasso ein Brief des »Zöllners«; er enthielt (der Überlieferung durch Daniel-Henry Kahnweiler zufolge) den Satz: »Wir beide sind die größten. Du im ägyptischen Stil, ich in der modernen Art.« Die Einschätzung kann als ein Beleg mehr für Rousseaus eigenwillige Sichtweise verstanden werden. Sie kann aber auch erhellen, was der Begriff »Stil« beinhaltet - und was er nur schwer zu erfassen vermag. Zweifellos fällt es schwer, Picasso, der 1908 am Beginn seiner kubistischen Periode stand, mit der altägyptischen Kunst in Verbindung zu bringen. Ebenso seltsam erscheint die Selbsteinschätzung Rousseaus, des Hauptvertreters der »naiven« Kunst; seine »moderne Art« verstand er als Resultat seiner Entwickung »zu einem der besten realistischen Maler«. Ägyptisch/modern, naiv/realistisch sind Gegensatzpaare oder - wie »kubistisch« - Stilbezeichnungen, mit denen wir bestimmte Vorstellungen verbinden. Es fällt nicht schwer, in der Stele des Meki-Montu (Abb. 1) ein ägyptisches Werk zu erkennen und die stilistischen Merkmale zu benennen oder aus der Art und Weise der Darstellung zu erschließen: Offenkundig sind die Figuren, genauer ihrer einzelnen Körperteile, aus unterschiedlichen Blickwinkeln wiedergegeben. Die Köpfe entsprechen der Profilansicht (jedoch mit nach vorn gerichtetem Auge), die Schultern der Frontalansicht (mit Seitenansicht der weiblichen Brust); in »unnatürlicher« Drehung erscheinen Becken, Beine und Füße wieder im Profil. Dies alles entspricht Regeln, die schon im Alten Reich des 3. Jahrtausends v. Chr. festgelegt wurden; sie bestimmten auch die Farbgebung, die zwischen den »weiblichen« hellen Hauttönen und dem »männlichen« Rot- i Stele des Meki-Montu. Spätzeit, nach 1085 V. Chr. Kalkstein, bemalt. Turin, Ägyptisches Museum. Die Werke der Ägypter machen offenkundig, was im Grunde für die Kunst aller Zeiten gilt, nämlich den Mitteilungscharakter der Gestaltungsweise. Kunstbetrachtung ist eine Form der Wahrnehmung, die Kenntnisse über Zeichensysteme voraussetzt. Sie sind das zentrale Thema der Stilgeschichte. Insofern entsprechen sich das Betrachten eines Bildes, aber auch einer Skulptur oder eines Bauwerks und das Lesen einer Hieroglyphenschrift. Ein Beispiel: der Name Meki-Montu auf dessen Stele. Er befindet sich in drei Spalten über dem so Bezeichneten und wird von rechts nach links gelesen. Die erste Spalte enthält die Zeichen Eule (m), Unterarm (e), Korb mit Handgriff (k) und zwei parallele Schrägstriche (i). Es folgen eine Dreiergruppe mit dem Zeichen für Wasser (mn, zu ergänzen ist o) und das Zeichen für Brot (t), in der dritten Spalte eine Wachtel (u). Schließlich legt ein sog. stummes Deutzeichen in Form einer männlichen Figur fest, daß die Hieroglyphen hier einen Mann bezeichnen. Sie wiederholen sich unten, nun von links nach rechts zu lesen. Dieser Unterschied in der Schreib- bzw. Leserichtung ergibt sich aus der Änpassung der Schrift an die symmetrische Komposition des Reliefs, die von der Sonnenscheibe oben ausgeht. Sie nimmt die Mitte über dem paarweise angebrachten Heiligen Auge (udjat) ein, das als Schutzzeichen dient. Die figürliche Darstellung zeigt den Verstorbenen, mit einer Lotosblume in der Linken, vor einem Tisch mit Opfergaben. Von rechts nähert sich sein Sohn als Gabenbringer. Die Gemahlin umfaßt Meki-Montu mit einer Gebärde, die natürlich wirkt, jedoch durch Tradition zum Zeichen geworden ist. Wir finden sie in derselben Form schon auf einem Relief im Grab des Wesirs Ramose mit der Darstellung eines Gastmahls (um 1364 V. Chr., Abb. 235).

Termékadatok

Cím: Belser Stilgeschichte 1-3. [antikvár]
Szerző: Christoph Wetzel , Helga von Heintze , Irngard Hutter Walther Wolf
Kiadó: Belser Verlag
Kötés: Fűzött kemény papírkötés
ISBN: 3763020403
Méret: 200 mm x 290 mm
Christoph Wetzel művei
Helga von Heintze művei
Irngard Hutter művei
Walther Wolf művei
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