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VORWORT
Innerhalb kurzer Zeit, zwischen dem 2. und 22. Juni 1874, schrieb Modest Petrowitsch Mussorgski den Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung (Kartinki s wystawki). Dem plötzlich verstorbenen Freund Viktor Alexandrowitsch Hartmann (1834-1873) war auf Betreiben des Kunstkritikers Wladimir Wassiljewitsch Stassow eine Ausstellung mit künsderischen Arbeiten (Zeichnungen, Aquarelle, Entwürfe u. ä.) gewidmet worden, und Mussorgski faßte den Entschluß, das Andenken Hartmanns durch eine Sammlung von Klavierstücken, die einige seiner Werke musikalisch darstellen sollten, zu ehren. Ursprünglich hieß dieser Zyklus Hartmann.
Mussorgski lernte Hartmann, der an der Petersburger Akademie der Künste studiert hatte, wahrscheinlich um 1870 bei Stassow kennen. Für seinen Zyklus wählte Mussorgski überwiegend Zeichnungen und Aquarelle aus, die Hartmann von seinen Auslandsreisen, u. a. nach Italien und Frankreich, mitgebracht hatte. Es läßt sich aber heute nur noch teilweise feststellen, welche Vorlagen Mussorgski inspiriert haben, da nicht alle Bilder und Zeichnungen erhalten sind.
In den bekannten Arbeiten Hartmanns, der eigendich Architekt war, spiegeln sich seine beruflichen Ambitionen, einen eigenständigen national-russischen Baustil zu schaffen. Er bezog deshalb Elemente der Volkskunst, der Holzschnitzerei und der nationalen Ornamentik in seine Entwürfe ein. Der Bau etwa des Großen Tors von Kiew ist jedoch nie realisien worden.
Der Komponist berichtete im Juni 1874 an Stassow': Mein teurer généralissime, Hartmann sprudelt hervor, wie ,,Boris" hervorgesprudelt war. Klänge und Gedanken hängen in der Luft, ich schlinge und werde verschlungen, kaum vermag ich, auf dem Papier zu kratzen . . . Meine Physiognomie ist in den Zwischenspielen sichtbar. Bis jetzt halte ich mich für erfolgreich . . .
Die Benennungen sind kurios: ,,Promenade (in modo russico)"; Nr. 1. ,,Gnomus", Intermezzo (das Intermezzo trägt keine Überschrift); Nr. 2. „II vecchio castello" - Intermezzo (ebenfalls ohne Überschrift); Nr. 3. „Tuileries" (Dispute d'enfants apres jeux); (gleich hinterher) Nr. 4. Sandomirzsko bydlo (Le télegue) (Le télegue versteht sich nicht als Überschrift, aber das unter uns). Wie gut arbeitet es sich . . .
In dem Werkverzeichnis, das Mussorgski für Stassow verfaßte^ (. . . zum Andenken an Mussorjanin, 26. August 78, Petersburg), ist der Zyklus als op. 11 bezeichnet. Obwohl die Bilder einer Ausstellung von Mussorgski zum sofortigen Druck vorgesehen waren (vgl. Kritische Anmerkungen), wurde der Zyklus erst 1886, fünf Jahre nach dem Tode des Komponisten, im Verlag W. Bessel, Petersburg, veröffentlicht. Auch die 2. Auflage mit einem Vorwort Stassows ist dort erschienen. Herausgeber beider Auflagen war Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korssakow, der in guter Absicht einige musikalische Kühnheiten Mussorgskis korrigieren zu müssen glaubte, so daß das Werk nicht in seiner Originalgestalt gedruckt wurde.
Einige Teile des Zyklus wurden von M. Tuschmalow instrumentiert, das ganze Werk dann später, nämlich 1922, von Maurice Ravel im Auftrag von Sergej Kussewitzki. Eine weitere bekannte Instrumentierung stammt von dem amerikanischen Dirigenten Leopold Stokowski.
In ihrer Originalgestalt erschienen die Bilder einer Ausstellung erst 1931 im Rahmen der Gesamtausgabe der Werke Mussorpkis als Band VIII, Einzelausgabe 2, in den Veriagen Musgis-Moskau und Universal Edition Wien. Der Herausgeber Paul Lamm erstellte eine wissenschaftlich korrekte Ausgabe nach dem Autograph, der weitere Nachdrucke in der Sowjetunion und anderen Ländern folgten.
Das Programm des Zyklus ist in der ersten der oben erwähnten Ausgaben von Stassow folgendermaßen charakterisiert worden:
Die Einleitung trägt die Bezeichnung „Promenade". Nr. 1 „Gnomus" - die Zeichnung stellt einen kleinen Gnom dar, der ungeschickt auf krummen Beinen einhergeht.
Nr. 2 „II vecchio castello". Ein mittelalterliches Schloß, vor
dem ein Troubadour ein Lied singt. Nr. J „Tuileries. Disput d'enfants apres jeux". Allee im Tuileriengarten mit vielen Kindern und Gouvernanten.
Nr. 4 „Bydto". Ein polnischer Leiterwagen auf riesigen
Rädern, bespannt mit Ochsen. Nr. 4 „Das Ballett der nicht ausgeschlüpften Küchlein". Eine Illustration Hartmanns für die Aufführung einer malerischen Szene im Ballett „Trilbi". Nr. 6 „Zwei polnische Juden, der eine reich, der andere arm".
Nr. 7 „Limoges. Le marché". Französische Weiher streiten
sich erbittert auf dem Markt. Nr. 8 „Catacombae". Auf dem Bild ist Hartmann selbst dargestellt, wie er die Pariser Katakomben beim Schein einer Laterne betrachtet. Nr. 9 „Die Hütte auf Hühnerfüßen". Die Zeichnung Hanmanns stellt eine Uhr in Form einer Hexenhütte auf Hühnerfüßen dar. Mussorgski fügte den Ritt der Baba-Jaga (Hexe) auf dem Mörser hinzu. Nr. 10 „Das Bogatyr-Tor in Kiew". Hartmanns Zeichnung ist der Entwurf für ein Stadttor in Kiew im altrussischen massiven Stil mit einer Kuppel in Form eines slawischen Helmes.
Der vorliegenden Ausgabe liegt ein Faksimiledruck des Autographs (vgl. Kritische Anmerkungen) zugrunde, für dessen Beschaffung Herrn Jürgen Köchel, Hamburg, an dieser Stelle herzlich gedankt sei.
Manfred Schanden
' Brief Mussorgskis an W. W. Stassow vom 12. oder 19. Juni 1874, in: Alexandra Anatoljewna Orlowa, Werke und Tage M. P. Mussorgskis, Chronik seines Lebens und Schaffens, Moskau 1963 (in russischer Sprache), S. 393 (Ubersetzung; Manfred Schandert
^ Veröffentlicht in: Michael Dimitri Calvocorcssi, Modest Mussorgsky, His Life and Works, London 1956, S. lOf.