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Bildnisse aus drei Jahrhunderten [antikvár]

Karl Scheffler

 
i. VOM WESEN DER BILDNISMALEREi Bei jeder Betrachtung' von Bildnissen macht man wieder die Erfahrung, daß der bedeutende Künstler allein den Menschen ganz glaubwürdig darstellen kann, daß nur in seinem Werk der Mensch, über den Wandel der Zeit hinweg, wieder lebendig wird. Aus dieser Erfahrung ziehen die Lebenden allerdings nicht die rechte Lehre, wenn sie meinen, das Antlitz und die Gestalt des Menschen würden am richtigsten, am objektivsten von dem mechanisch arbeitenden photographischcn Apparat, der Empfindungsschwankungen und...
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i. VOM WESEN DER BILDNISMALEREi Bei jeder Betrachtung' von Bildnissen macht man wieder die Erfahrung, daß der bedeutende Künstler allein den Menschen ganz glaubwürdig darstellen kann, daß nur in seinem Werk der Mensch, über den Wandel der Zeit hinweg, wieder lebendig wird. Aus dieser Erfahrung ziehen die Lebenden allerdings nicht die rechte Lehre, wenn sie meinen, das Antlitz und die Gestalt des Menschen würden am richtigsten, am objektivsten von dem mechanisch arbeitenden photographischcn Apparat, der Empfindungsschwankungen und Ungleichheiten des Könnens nicht unterworfen ist, wiedergegeben. Diese Meinung ist bezeichnend für unsere alles Mechanische und Technische überschätzende Epoche, sie charakterisiert die ganze Zeit. In Wahrheit kann kein noch so genau arbeitender Apparat den Bildnismaler ersetzen. Denn der Mensch ist etwas Lebendiges und kann nur von einer lebendigen Kraft erfaßt und dargestellt werden. Beständig wechselt im menschlichen Gesicht der Ausdruck. Wie über die Landschaft atmosphärische Stimmungen ununterbrochen dahinziehen, erzeugt von Licht und Schatten, von Trübe und Klarheit, so gehen die Wetter der Seele über das Antlitz des Menschen dahin. Jedermann hat viele Gesichter, weil der Charakter sich aus mannigfaltigen Elementen zusammensetzt, weil in der menschlichen Natur stark und schwach, kalt und warm, gut und böse hart nebeneinander liegen. Jeder Mensch ist ein Meines Universum. Der photographische Apparat aber kann nur zufällige Augenblicke aus dieser Fülle geben. Eben das Ergebnis, worauf man heute besonders stolz ist: daß es gelungen ist, die Erscheinung in dem Bruchteil einer Sekunde auf die Platte zu bringen, bezeichnet die Schwäche der Photographie. Dem gebildeten Auge sind die alten Daguerreotypien lieber als die Mo-mentphotographien, weil eine lange Belichtungszeit zu günstigeren Resultaten führt. Muß das Modell mehrere Minuten vor dem Apparat sitzen, so lebt in dieser Zeit das Gesicht, es verändert sich und es entstehen viele Aufnahmen übereinander; das endgültige Bildnis ist dann etwas wie die Summe vieler Augenblicksbilder. Die Daguerreotypie, in all ihrer tonigen Weichheit, ist in dieser Weise wie von selbst ein wenig in die Nähe des gemalten Bildnisses geraten. Denn auch dieses entsteht, rein mechanisch betrachtet so, daß in mehreren Sitzungen die verschiedenen Gesichtsausdrücke, die mit den Tagen und Stunden wechselnden Gesichts-formen übereinander und ineinander gemalt werden; das ewig Bewegte wird wie von selbst zu einem Einheitsbild und es ergibt sich ganz ungewollt etwas wie eine Synthese. Selbst wenn der Maler sich bemüht das Augenblickliche zu geben, wird seine Arbeit doch immer eine Summe vieler Möglichkeiten sein und dadurch wird er wirken wie einer, der ein Pazit zieht, wie ein Deuter der Erscheinung. Die Momentphotographie überrascht beim ersten Hinsehen, sie wird aber um so starrer, je länger man sie betrachtet. Beim Bild ist es umgekehrt; es befremdet zuerst, doch überzeugt es um so mehr, je länger und öfter man es ansieht. Die Photographie hat die äußere, das Bild hat die innere Ähnlichkeit. Man darf sagen, daß die besten Bildnisse im ersten Augenblick unähnlich erscheinen. Auch die großen Meisterwerke der alten Maler können nicht die alltägliche, die gemeine Ähnlichkeit gehabt haben, weil in ihnen die Erscheinung immer sehr selbstherrlich übersetzt und stilisiert worden ist. Nicht eines der berühmten alten Bildnisse wirkt wie ein Spiegelbild, das heißt also wie eine Wirklichkeit des Augenblicks, jedes einzelne ist vielmehr eine Deutung der Erscheinung. Eine Deutung, vorgenommen vom Auge und vom Geiste eines Künstlers. Während das Auge anschauend dachte und denkend anschaute, wurde eine Reinigung vorgenommen, Zufälliges und Unwesentliches sind ausgeschieden, die Wesenszüge aber sind kräftig zusammengefaßt worden. In diesem Prozeß ist das Modell dann vergeistigt, es ist idealisiert worden. Aber nicht willkürlich. Der Maler hat vielmehr von der Erscheinung das Gesetz der Gestaltung empfangen, sein Idealisieren ist nichts als eine höhere Sachlichkeit, Die Ähnlichkeit ist in dem Schaffensprozeß mittelbar geworden. Eben darum aber wirkt sie überzeugend. Die rechte Ähnlichkeit kann nicht festgestellt werden, wenn man Modell und

Termékadatok

Cím: Bildnisse aus drei Jahrhunderten [antikvár]
Szerző: Karl Scheffler
Kiadó: Karl Robert Langewiesche Verlag
Kötés: Tűzött kötés
Méret: 190 mm x 260 mm
Karl Scheffler művei
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