Bővebb ismertető
Eigentlich war Tom Dantry durch reinen Zufall nach /Nivandrum gekommen. Als er sich in Pinang an Bord der »Vivandiere« einschiffte, wußte er nicht einmal, wohin es ging. Er hatte sich neun Monate in den Malaienstaaten aufgehalten und hatte sie über - mit jenem Gefühl des Widerwillens und der Leere, das ihn immer aufs neue an einem Ort um den andern rund um die halbe Welt gepackt hatte. Und er war betrunken an Bord gekommen, seiner selbst so überdrüssig wie der Inseln, die er verließ, in der dumpfen Vorstellung: Ich bin nichts weiter als ein verfluchter, ekelhafter und nutzloser Neurastheniker. Es wäre das beste, mich zu erschießen und mit allem fertig zu sein. Aber im letzten Augenblick erschoß er sich nicht und ging vielmehr an Bord der »Vivandiere«. Er wußte selber nicht, warum er gerade dieses Schiff wählte - außer weil es französisch war und ein wenig unordentlich und weil es nicht so aussah, als würde es an einem der großen weltmännischen Häfen anlegen, wo er Bekannte treffen würde, mit denen er den ganzen Tag und die halbe Nacht in Klubs und Bars zechen müßte, und Frauen aus seiner Schicht oder nicht weit davon entfernt begegnen würde - was noch schlimmer gewesen wäre. Hätte man ihn gefragt, warum er ein verfluchter Neurastheniker sei, er hätte nicht zu antworten gewußt. Er hatte ziemlich viel darüber nachgedacht, bis sich plötzlich, nach Verlauf einiger Jahre, sein ganzer Charakter verändert hatte. Zuerst war er, was man extra vertiert nennt: Rasend hin und her getrieben, saugte er in großen Zügen Zerstreuung, Aufregung und Leben in sich. Und jetzt, da er betrunken an Bord der »Vivandiere« gegangen war, befand er sich an dem Punkte, wo er nicht mehr die Welt in ihrer Beziehung zu seinem Ich
sah, sondern nur sein Ich in seiner Beziehung zur Welt. Es gab Augenblicke, in denen er empfand, daß er nicht nur andern, sondern sich selbst lästig war. Und das war das Schlimmste. Seiner selbst überdrüssig, hatte er sich seit einiger Zeit dem Trünke ergeben. Nicht mit Maßen, in gewissen festlichen Stimmungen, wie er es früher schon immer getan hatte, sondern ernsthaft und gründlich, um von sich selber wegzukommen. Denn er versprach sich nichts mehr von einem Milieuwechsel. Plötzlich eines Nachts, in einem entsetzlichen Augenblick innerer Klarheit, war ihm aufgegangen, daß er seit dem Kriege von Ort zu Ort gezogen war, nicht aus einer echten Rastlosigkeit oder auch nur aus Wißbegierde, sondern um sich selbst zu entgehen. Und wohin er auch kam, immer fand er sich selber.
Nun war er vierunddreißig, also im besten Alter, und er hätte ein ganz neues Leben beginnen können - nur daß ihm der Sinn nicht danach stand, noch einmal von vorn anzufangen. Er wußte, daß etwas tot in ihm war, seit sie ihn, neunzehnjährig, aus einem Minenloch in Flandern ausgegraben, ihm das Viktoriakreuz gegeben und ihn ein für allemal als Kriegsinvaliden erklärt hatten. Als sie ihn damals schließlich herausgebuddelt hatten, hatte er genug vom Leben gehabt - mehr als genug - und wenn er jetzt an seine Rettung zurückdachte, so sagte ihm sein Herz, daß er es bedauert hatte, sich, zum Leben zurückgekehrt, in einem Londoner Spital wiederzufinden.
Er machte aus seiner Auffassung von der eigenen Nutzlosigkeit keinen Hehl. Er hatte es sich nur so zurechtgelegt als eine Möglichkeit der Erklärung. Er hatte den Krieg verabscheut. Das Morden und die Gefahr und der Wahnsinn des Ganzen waren ihm verhaßt. Er war der Geschichte für immer entronnen, und sie hatten ihm das Ärgernis angetan, daß sie ihn in eine Welt zurückgeholt hatten, die ihm von jenem Augenblick zuwider war. Jetzt wußte er, daß alle Scheinfreuden, die er genossen, all dies unbekümmerte, lasterhafte Leben, ihm nichts weniger als Freude gegeben hatte. Nichts als Hysterie - die hysterische Jagd eines Mannes nach dem, was man ihm als jungen Burschen genommen hatte. Und es war sein Fluch, daß er genug Geld zum Wohlleben hatte.