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Vorwort
EUROPA
Mitten in Europa ermordeten das NS- und das Sowjet-Regime in der Mitte des 20. Jahrhunderts vierzehn MiUionen Menschen. Der Ort, wo alle Opfer starben, die Bloodlands, erstreckt sich von Zentralpolen bis Westrussland, einschließlich der Ukraine, Weißrusslands und der baltischen Staaten. Während der Konsolidierung von Nationalsozialismus und Stalinismus (1933-1938), der deutschsowjetischen Besatzung Polens (1939-1941) und des deutsch-sowjetischen Kriegs
«Jetzt werden wir leben!» Das sagte der hungrige Junge, als er den einsamen
Straßenrand entlang wanderte und durch die abgeernteten Felder. Doch die
Nahrung, die er sah, gab es nur in seiner Phantasie. Aller Weizen war weg- ' •
gebracht worden, als Teil eines kaltherzigen Requirierungsprogramms, mit dem
das Zeitalter des europäischen Massenmords begann. Man schrieb das Jahr 1933,
und Josef Stalin hungerte bewusst die ukrainische Sowjetrepublik aus. Der ,.
Junge starb und mit ihm über drei Millionen andere Menschen. «Ich werde sie
unter der Erde wiederfinden», sagte ein junger Mann von seiner Frau. Er hatte
Recht; er wurde nach ihr erschossen, und beide vmrden mit den 700 000 übrigen
Opfern des stalinistischen Terrors von 1937-38 begraben. «Sie wollten meinen
Ehering, den ich » Das Tagebuch des polnischen Offiziers bricht kurz vor I
seiner Hinrichtung durch die sowjetische Geheimpolizei 1940 ab. Er war einer t
von rund 200 000 polnischen Bürgern, die von Sowjets und Deutschen zu Be- !
ginn des Zweiten Weltkriegs erschossen wurden, während das Deutsche Reich 11
und die Sowjetunion gemeinsam ihr Land besetzt hielten. Ende 1941 schloss ein
elfjähriges Mädchen in Leningrad sein bescheidenes Tagebuch mit den Worten:
«Nur Tanja ist übrig.» Hitler hatte Stalin überrumpelt, ihre Heimatstadt wurde ^
von den Deutschen belagert und ausgehungert, und ihre Familie gehörte zu den
vier Millionen Sowjetbürgern, die verhungerten. Im Sommer darauf schrieb ein
zweijähriges Mädchen in Weißrussland in einem letzten Brief an seinen Vater:
«Ich möchte dir Lebewohl sagen, bevor ich sterbe. Ich habe solche Angst vor
diesem Tod, denn die kleinen Kinder werden lebend in die Grube geworfen.»
Sie gehörte zu den über fünf Millionen Juden, die von den Deutschen vergast
oder erschossen wurden.