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EIN BRIEF AUF NACHTSTRECKE
Flugplatz Basel 22.IS
Pfingstmontag 1934
Lieber Gcorgy!
In einer halben Stunde startet die Nachtpost nach Frankfurt. Bei Sterngefunkel und Mondschein. Rhein-abwärts liegen ein paar nichtssagende Wolkenbänke. Kein Hauch regt sich. Es ist eine gute, ruhige Nacht. Georgy — das Buch! Noch habe ich keine Zeile geschrieben. In zehn Wochen soll es fertig sein. Wie eine finstere Mahnung sitzt mir diese Frist im Nak-ken. Lange, freie Wochen wurden an den Winter verschenkt, wurden zwischen schneeglitzernden Gipfeln vertan. Ich war so hungrig nach dem kühlen Samt der weißen Hänge. Und selten nur, wie an etwas Fernes, das noch sehr viel Zeit braucht, habe ich an das Buch gedacht. Das Ziel schien mir so groß, der Weg so schwer, daß ich immer wieder vor dem Anfang zögerte, in zaghaften Zweifeln befangen, nicht zu beginnen wagte, aufschob, wartete . . . Bis über Nacht weißer Blütenschnee in grünen Zweigen hing. Bis man mir sagte, daß man warte und darauf zähle. Zu spät die Reue über ein gegebenes Versprechen. Es gibt kein Zaudern und kein Zurück mehr. Vielleicht ist das gut so. Vielleicht wäre ich sonst zu keinem Anfang und keinem Ende gekommen. Das Gedröhn unserer Motoren zerreißt die Nachtstille.