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ZUR EINFUHRUNG
Seit langem hat nichts einen so unmittelbaren, Gemüt und Geist von so vielen Seiten her, nach so vielen Seiten hin erregenden und bewegenden Eindruck auf mich gemacht, wie das Lesen dieser Briefe. Nach vielen Seiten hin: denn einmal umfaßt der Zeitraum, dem sie angehören, die Welt, die sich in ihnen während der anderthalb Jahrzehnte von der Jahrhundertwende bis zum Jahr des Kriegsausbruches gespiegelt hat, den ganzen Raum meiner eigenen mündigen Jugend und einen guten Teil der Welt, in deren loser und fester geschlungenen Beziehungen und Freundschaften ich mit so vielen anderen damals zu Hause war. Wie fern und wie nahe zugleich scheint all dies Geschehen, Erleben und Erfahren, das nun schon zum Teil die Dreißigjahrspanne eines Menschenlebens von einem völlig veränderten Heute trennt. Fern, weil auch die Überlebenden jener Tage, wo sie sich wieder begegnen, dies in einer gewandelten Welt tun, in der ein stummes, manchmal lächelndes, manchmal schmerzliches Einvernehmen fast das einzige Band bedünken mag, das sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und der ihrer Freunde noch verknüpft. Nahe, weil das damals Erlebte und Erlernte, Begründete und Erworbene trotz allem und in allem immer noch die Grundlage alles heutigen Erlebens und Verstehens bildet. — Ich benötige nicht erst den täglichen Blick auf den mir von Freundeshand geschenkten bronzenen Studienkopf zu dem jüngsten unter den „Bürgern von Calais", um mich immer wieder an jenen Tag zu erinnern, an dem ich zum ersten Male im Pavillon der Weltausstellung von 1900 den alten Löwen zwischen den Gestalten seines mir damals noch in vielem unerschlossenen Werkes umhergehen sah. Die „Porte de l'Enfer", der Victor Hugo, der Balzac waren schon unter ihnen. Seither ist eine wundersam dämonische, leidenschaftlich vielgestaltige Welt künstlerischer Schöpfung mir durch immer erneutes Gewahrwerden ihrer Fragen und Antworten, ihrer mannigfaltigen Geschlossenheit, ihrer grandiosen Unbedingtheit und Selbstherrlichkeit von Jahr zu Jahr vertrauter geworden — vielleicht die letzte künst-
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VORWORT
Wenn ich mich, nicht ohne Widerstreben, zur VeröffentHchung der Briefe entschließe, die Rodin meiner Mutter und mir geschrieben hat, so meine ich damit seinem eigenen Wunsche zu gehorchen. Denn immer wieder bat er mich, seine Anschauungen vom Leben und von wahrer Kunst mitzuteilen. Und so voll die Welt seines künstlerischen Ruhmes ist: Sein reiches Menschentum und die irrationalen Hintergründe seines Kunstschaffens — die er mir einmal mit dem Worte angedeutet hat: „J'entends le roulement des astres"(Ich höre den rollenden Lauf der Gestirne) — sind auch vielen seiner Bewunderer verborgen. Er selbst sprach und schrieb davon nur selten und dann nur in einzelnen wuchtigen Sätzen, wie sie sich gerade auch in seinen Briefen verstreut finden.
Dabei bin ich mir dessen wohl bewußt, daß in den an mich gerichteten Briefen der Phantasie oft genug ein Bild der Empfängerin vorschwebte, an das die Wirklichkeit nicht heranreichte. Solche Steigerung des menschlich Begrenzten und Unzulänglichen zum Absoluten gehörte aber zum Wesen des großen Künstlers; sie hebt auch freundschaftliche Beziehungen in eine Sphäre, in der der einzelne nur mehr Symbol ist. Und nach Jahrzehnten verwischt sich vollends alles Persönliche; nur die großen Linien bleiben sichtbar — wie bei einer ägyptischen Plastik. Nicht die Menschen sind wichtig, an die Rodin diese Zeilen schreibt, sondern sein Geist, der darin weiterlebt, anderen zu neuem und echtem Schaffen die Wege weisend — auch in unserer Zeit. Als sich unlängst in unserem Haus eine Diskussion über Tagesfragen entsponnen hatte, erlebte ich es, wie ein überzeugter und feuriger Vertreter der jungen Generation sich einer Zeichnung Rodins zuwandte und sich dann, aller Gespräche vergessend, in einen seiner Briefe versenkte. Dabei kam mir wieder zum Bewußtsein, wie sehr doch Rodin auch in diese Zeit hineingehört — und daß er gerade auch ihr, der die Schönheit und das Ge-heimms des geistdurchstrahlten Körpers wieder aufgegangen sind, noch vieles zu sagen hat.
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