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VORWORT
Der Titel „Byzanz und seine Kultur" scheint auf den ersten Blick einfach und unkompliziert; nichtsdestoweniger bedürfen seine beiden Bestandteile der Erläuterung.
Den Terminus „Kultur" verwende ich hier im weitesten Sinne des Wortes: Ich verstehe darunter die Summe der schöpferischen Tätigkeiten einer konkreten Gesellschaft - von der Produktion der materiellen Güter bis zu den mythologischen und künstlerischen Vorstellungen der Menschen. Dabei definiere ich den Begriff „Kultur" nicht unter ethischen Gesichtspunkten, d. h., ich stelle nicht Kultur und Zivilisation einander gegenüber, so da§ Kultur eine Kategorie des Aufstiegs und der Blüte, Zivilisation ein Synonym für Erstarrung und Niedergang wäre. Einen Staat mit der Bezeichnung „Byzantinisches Reich" hat es genaugenommen nie gegeben. Die Byzantiner selbst nannten ihren Staat „Reich der Rhomäer"; davon sind sowohl der im lateinischen Westen verbreitete Name „Roraania" als auch das türkische „Rum" abgeleitet.
Byzantion-Byzanz war in der Antike eine griechische Stadt an der Küste des thrakischen Bosporos, doch die Ironie des Schicksals wollte es, daß diese Stadt ihren Namen Byzantion gerade zu dem Zeitpunkt verlor, als das Byzantinische Reich geboren wurde: Die Umbenennung Byzantions in Konstantinopolis und seine gleichzeitige Erhebung zur Hauptstadt des Rhomäerreiches sind eines der augenfälligsten Anzeichen für die Entstehung des neuen Staates. Umgekehrt wurde der Terminus „Byzanz" - nun nicht mehr Bezeichnung der Stadt, sondern „Verabredungsname" für den Staat - von den humanistischen Gelehrten in Umlauf gebracht, nachdem das Rhomäerreich soeben von den Türken erobert worden war und zu bestehen aufgehört hatte.
Wissenschaft und Gesellschaft der Neuzeit haben zum Byzantinischen Reich, zur byzantinischen Kultur lange Zeit ein negatives Verhältnis gehabt. Ich will hier nicht näher auf die Ursachen dieser Einstellung eingehen, das wäre ein Thema für sich. In Byzanz sah man das Zentrum des Konservatismus, „Byzantinismus" wurde zu einer Art Schimpfwort. Das einzige Verdienst, das man den Byzantinern noch herablassend zugestand, war die Bewahrung und Überlieferung des antiken Erbes. Diese Rolle ist, nebenbei bemerkt, gar nicht so gering zu veranschlagen, und dennoch ist mit einer solchen Wertung die Bedeutung der byzantinischen Kultur noch längst nicht erschöpfend charakterisiert. Byzanz war jahrhundertelang das tonangebende Land des Mittelalters, im Byzantinischen Reich wurden ganz besondere, für das Mittelalter typische Werte und Kunstdenkmäler geschaffen. Während das 19. Jahrhundert die kulturellen Werte der Antike mit ehrfürchtigem Erschauern aufnahm, wendet sich unser Jahrhundert, um die Gegenwart erfassen zu können, immer häufiger den Erfahrungen der Byzantiner zu.