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I. KAPITEL BILDUNG 1. Kindheit
Jean Calvin wurde am 10. Juli 1509 in Noyon geboren. Gedrängt um ihre Kathedrale und vergraben im Grün ihrer Gärten und Alleen, bewahrt die Stadt noch heute den verschwiegenen Reiz der kleinen Provinzstädte, die sich überleben. Im 16. Jahrhimdert war sie die Hauptstadt von Ver-mandois. Die königliche Gewalt wurde verkörpert durch einen Statthalter, einen Stellvertreter, einen Anwalt und einen Steuereinnehmer. Aber die Hauptperson war der Bischof. Großgrundbesitzer, Graf, Pair von Frankreich mit Sitz im Parlament, hatte er auch im Königreich eine große Bedeutung. Eine Welt von Klerikern imd Mönchen kreiste um ihn: 42 Präbenden, vier Pfarreien, zwei Abteien gaben der Stadt vollends den etwas strengen Anstrich eines kirchlichen Gemeinwesens. Dies war nicht immer so gewesen. Die Bewegungen unter der Einwohnerschaft hatten einst Stürme heraufbeschworen: die Bürger standen gegen die Kleriker, das niedere Volk gegen die Patrizier. Aber im 16. Jahrhundert hat sich diese Unruhe beschwichtigt. Der Zeitraum der demokratischen Umtriebe war abgeschlossen. Im Kranz der Mauern, in dem nur noch der Ton der Glocken zittert, fließt das Leben friedlich und eintönig dahin, kaum gestört durch kleine Streitigkeiten zwischen dem Domkapitel und dem Bischof, und mit Maßen aufgeheitert durch die frommen, von der Kirche gebotenen Schauspiele: Hochämter, Prozessionen, Predigten und zuweilen Mysterienspiele. In diesem Rahmen sollte der künftige Reformator heranwachsen.
Das väterliche Haus erhob sich nicht weit von der Kathedrale auf einem kleiuen Platz im Pfarrsprengel von Sainte-Godeberte. Die „Cauvins" waren von niedriger Her-kimft. Der Großvater war in Pont-l'Eveque Schiffer ge-