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U L C E Z A N N
VON FRITZ NOVOTNY
Vom heutigen Zeitpunkt, dem Anfang des zweiten Drittels unseres Jahrhunderts aus müßte der Rückblick auf die Kunstentwicklung des neunzehnten Jahrhunderts bereits mit verhältnismäßiger Klarheit die verwirrende Vielgestaltigkeit dieser Epoche zu ordnen imstande sein. Der „historische Abstand" ist groß genug, um die entwicklungsgeschichtlichen Beziehungen deutlicher hervortreten zu lassen, und er Ist doch nicht so weit, daß die Zeitentrückthelt zu den Wesenseigentümlichkeiten der Kunstwerke !ene Eigenschaft hinzugefügt hätte, die jedes Erzeugnis älterer Kunst für die Betrachtung färbt. Denn alle wesentlichen Kunstgeschehnisse des neunzehnten Jahrhunderts empfinden wir als unserer Einfühlung ganz zugänglich. Noch scheint es uns, daß wir jedes Bild, das Im vorigen Jahrhundert entstanden Ist, bis zu seinen Erlebnisanlässen zurück, wie ein Werk der Gegenwart aufzunehmen fähig sind.
Von diesem gegenwärtigen Betrachtungsstandpunkt aus müssen wir die beispiellose individuelle Vielfältigkeit als ein bleibendes Merkmal der Kunst des vorigen Jahrhunderts annehmen. Für einen Kontrast wie den, daß In der Malerei des späten neunzehnten Jahrhunderts zur gleichen Zeit ein Maler, Van Gogh, einen Stuhl „porträtierte" und ein anderer Hauptmeister, Cézanne, selbst aus der Darstellung des menschlichen Gesichts allen psychologischen und Gefühlsinhalt ausschloß, für solchen Kontrast Ist In der älteren Kunstentwicklung kein Analogiefall zu finden, und wir können nicht glauben, daß einer ferneren historischen Oberschau dies anders erscheinen wird.
Gleich deutlich aber tritt ein einigender Grundzug hervor: die Tendenz zur Gestaltung des Elementaren. Diese Ist, als Veranschaulichung von Elementargebilden oder von Elementarkräften, eines der Hauptziele gewesen, denen die malerische Entwicklung des Jahrhunderts zustrebte. Sie tritt als das Grundthema, dem andere Gestaltungsabsichten sich unterordnen, Immer deutlicher auf.
Bedeutend wie der keines anderen Einzelnen ist der Anteil Paul Cézannes an dieser Entwicklung. Mit der Formel von der malerischen Gestaltung des Elementaren läßt sich auch, so unzureichend und allgemein sie an sich Ist, eine umfassende Grundeigenschaft dieser so komplizierten künstlerischen Erscheinung umschreiben, von dieser Eigenschaft aus Ist die Darstellungsproblematik der Malerei Cézannes zu begreifen.
Elementargebilde lassen sich nur auf Kosten der individuellen Erscheinungsformen, des Individuellen Werts der Menschengestalt, des Baumes, der Stillebengegenstände usw. darstellen. Dem Betrachter, der zum erstenmal Bilder Cézannes vor sich sieht und von ihrer Wirkung ergriffen wird, fallen, wenn er an die dargestellten Naturformen denkt, charakteristische und befremdende Reduktionserscheinungen auf, die sein kritisches Bewußtsein reizen. Ausgenommen vielleicht den Fall des Farbempfindlichen, der die Farblg-kelt dieser Werke als etwas Einzigartiges erkennt. Er findet eine Gewalt und Ausschließlichkeit der kolo-