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VORWORT
Das vorliegende Werk „CHOPIN, Anleitung zur Aufführung Chopinscher Werke" entspricht einem dringenden künstlerischen Bedürfnis, da die jüngere Pianistengeneration von der Chopinschen Tradition so gut wie nichts gehört hat.
Es ist das Verdienst des in dieser Chopin-Tradition aufgewachsenen Pianisten Professor Bronislaw von Pozniak, die Überlieferung der Interpretation bewahrt zu haben und in dem vorliegenden V/erk den Pianisten Anweisungen im Sinne der altpolnischen Tradition zu geben. Professor Bronislaw von Pozniak, in Lemberg — der Stadt der bedeutenden Chopinschüler Karl Mikuli und Fürstin Marcelina Czartoryska— geboren, wuchs in dem Milieu der traditionsreichen Mikuli- Schule auf. Er hatte das Glück, die drei großen Chopinspieler Paderewski, Sliwinski und Michaiowski wiederholt zu hören und durch sie das Chopin-sche Werk in authentischer Darbietung zu erleben. Mit besonderem Fleiß und Eifer vertiefte er sich in das Studium der Meisterwerke des vor nunmehr 100 Jahren heimgegangenen größten polnischenKompo-nisten und schreibt in seinem Buche aus reichster Erfahrung, die er auf seinen Konzertreisen durch ganz Europa mehr und mehr vertiefte, nicht als Musikhistoriker und vom wissenschaftlichen Standpunkt aus, sondern aus der Praxis für die Praxis. Die Einmaligkeit des Chopinschen Klavierstils verlangt ein Nachschaffen, das tatsächlich dieser Besonderheit gerecht wird, d. h. die Wiedergabe der Chopinschen Werke in unverfälschtem Geiste erklingen läßt. Diese stilgemäße Auffassung der Chopinschen Werke, die besonders in deutschen Pianistenkreisen m.ehr und mehr schwin-
det, soll mit diesem Werk wieder belebt werden. Die Zerlegung der Themengefüge in spielerisches Figurenwerk eines geradezu blendenden Klaviersatzes mit flüchtig dahinransehenden Tonketten trägt für den Nachgestalter die Gefahr des Abgleitens ins rein Technisch-Virtuose in sich, eine Gefahr, die gleich käme einer Versündigung am Chopinschen Wesen, dessen musikalischer Ausdruck trotz einer virtuosen Technik immer beseelt ist von echtem, tiefempfundenen Künstlergeist, den aufzuspüren und nachzuschaffen wohl die schwierigste, aber schönste Aufgabe der Interpretation ist. Mit der Arbeit an diesem Werke, das aus ehrlicher Überzeugung und künstlerischer Verantwortung entstanden ist, versuchte Professor Bronislaw von Pozniak auch Linderung seines Schmerzes zu finden, des Schmerzes um den seit 1944 vermißten musikalisch hochbegabten Sohn Jan, dem er mit diesem Buche ein Erinnerungsmal setzt. Letzten Endes aber erstrebt dieses Werk nicht nur ein künstlerisches, sondern im Hinklick auf das schwergeprüfte Volk, das der Welt diesen großen Künstler geschenkt hat, auch ein politisches Ziel: Professor von Pozniak will als Künstler und Mensch mithelfen an der ideellen Wiedergutmachung des deutschen Volkes an den andern Völkern, und er will besonders eine Brücke der Verständigung schlagen zwischen dem deutschen und dem polnischen Volke.
Halle a. d. S., den 23. Mai 1949
Prof. Alfred HETSCHKO
L ETÜDEN
Selten sündigen die Pianisten — nicht nur die jungen, sondern auch Vertreter der älteren Generation — so viel wie bei der musikalischen Nachgestaltung der Chopinschen Werke, namentlich der Etüden. Vornehmlich in letzteren sieht man vielfach nur virtuose Blendwerke; man zieht die Stoppuhren auf, jagt nach Schnelligkeitsrekorden und übersieht dabei meist, daß ja Chopin diese herrlichen Werke unter ganz anderen Gesichtspunkten geschaffen, einen ganz anderen Zweck damit verfolgt hat. Freilich entstanden die Werke in der Blütezeit der sogenannten Virtuosenperiode. Die Menschen der damaligen Zeit bewunderten Kalkbrenner, Herz, Hünten und Konsorten, alle Welt ergötzte sich damals in Paris an deren Süßlichkeit, Mätzchen und Blendwerk, kurz, jenem musikalischen Makart-Stil*), der ein Kennzeichen des verflachenden Geschmacks jener Zeit war. Alle Welt, jedoch nicht Chopin! Leider scheint man dies selbst heute noch nicht klar erkannt zu haben. Unvergeßlich bleibt mir aus den Jahren des ersten Weltkrieges die Konzertbesprechung eines Breslauer Kritikers, der die Stirn hatte, Chopin zu den „Salon-Komponisten" zu zählen. Der Schöpfer der Sonaten, der Préludes, der Polonaisen ein „Salon-Komponist" ! Welch entsetzliche Ahnungslosigkeit! Aber nicht nur dieser Kritiker, auch mancher von gedankenlosen Musikern irregeführte junge Pianist mißversteht häufig die Größe und Bedeutung Chopins. Wie sollte er sie aber erkennen, wenn man ihm falsche Tempi und andere virtuose Unarten, die das Urbild verzerren, überliefert? Chopin kann sich nicht mehr verteidigen, er ruht im Grabe nach einem tragischen und mühevollen Leben. So möchte ich einer derjenigen sein, die für ihn in die Schranken treten und den jungen Musikern zurufen: Erwacht, öffnet eure Herzen für die wahre
*) Makart, der Maler, war kein Zeitgenosse Chopins, er lebte später; aber damals schon begann jene Geschmacksrichtung, die dann nach ihm benannt wurde.