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Heinrich Poos
Vorwort
Es ist eine relativ neue Einsicht der Literaturwissenschaft, daß ihre Hauptaufgabe in der Interpretation des poetischen Werkes liege. Die ältere Philologie hatte sich mit bloßen Dienstleistungen für die Uberlieferung der Werke begnügt - durch Sicherung der Texte, Kommentar einzelner Wörter, Erforschung der literarischen Beziehungen und der historischen Umgebung. Die Werke würden, so setzte sie voraus, von allein zum Leser sprechen. Doch alle rein philologischen Unternehmungen, von der Textkritik bis zur Literaturgeschichte, sind Abstraktionen ohne ästhetischen Erfahrungsgehalt. Wesen und Zweck der Literatur bestehen jedoch in der Lektüre der Werke
Was die Literaturwissenschaft schon längst als Konsens hinter sich brachte, der Musikwissenschaft steht die Einsicht noch bevor, daß das Werk als das einzig reale Objekt der Musik und der Hörer als das einzig reale Subjekt erkannt und anerkannt werden, damit der Versuch ernsthaft und nicht, wie so oft, bloß beiläufig unternommen wird, die Vermittlung zwischen ihnen zu verbessern.
Dieser Vermittlung möchte der vorliegende Sammelband, als Fortsetzung des im Jahre 1983 mit einem ersten Band begonnenen, dienen. In zwei Teilen, das sind 35 Werkinterpretationen, liegt numnehr der Prospekt einer Geschichte der unbegleiteten Chor- und Ensemblemusik vor - Weniges bildet die Ausnahme -, der das Interesse an einer längst überfälligen Gesamtdarstellung dieses christlich-antiken Fundamentes der Musik der abendländischen Moderne (etwa ab 1700) anzuregen vermag.
1. Die Interpretation eines in Sprache und in einer Metasprache zugleich überlieferten Werkes gewinnt ihr Wissen aus Texten und den in deren Nähe entstandenen und von ihnen angeregten Kontexten. Die genannten Textstränge sind für den Interpreten „untätige Materie", durch die hindurch Vergangenes rekonstruiert werden kann.
Jedoch, entmutigt durch die schmalen Erträge, die sich aus den üblichen analytischen Ansätzen bisher gewinnen ließen^, begnügt sich die Musikwissenschaft im allgemeinen damit, „bedeutungsvolle Inschriften des Geistes" aufzuspüren, paläographisch zu entziffern, gegebenenfalls zu restaurieren, biographisch, stil- und gattungsgeschichtlich zu kommentieren, und dies alles, um den Text am Ende doch dem Meister zu überlassen.
Eine Wissenschaft, der die Kunst vornehmlich ihre raison d'etre verschafft und ihr sonst eher wenig „be-deutet", leistet nolens volens ihrer Idolisierung Vorschub. Dieser Tendenz
' Heinz ScMaffer, Poesie und Wissen. Die Entstehung des ästhetischen Bewußtseins und der philologischen Erkenntnis,
Franlifurt/Main 1990, S. 241. ^ Als Lehrwerke verfolgen die Theoretica propädeutische Absichten und stellen die entscheidenden, über die Grammatik hinausführenden Fragen nicht oder verweisen auf die mündliche Lehre (z. B. A. B. Marx); als solche auch konzipiert, haben sie die Fragen bereits beantwortet, bevor der untersuchte Text sie überhaupt stellen konnte. Hinzu kommt, daß infolge der Säkularisierung der Musiktheorie der Begriff der musikalischen Rhetorik als Inbegriff der Septem artes liberales so weit schrumpfte, daß er den Werken, in denen er noch bis in das 19. Jahrhundert überlebte, inadäquat wurde, und dadurch das Vorurteil der Kenner unter den Verächtern zur wissenschaftlichen Legende werden konnte.