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VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE.
Von vielen Seiten wurde ich aufgefordert, nachilehende „Chorübungen der Münchener Mufikfchule" der Öffentlichkeit zu übergeben. Indem ich diefem Wunfche nachkomme, fühle ich mich veranlafst, über Entilehung und Zweck diefer zunächft für den Hausgebrauch der Mufikfchule bellimmt gewefenen Übungen einige Worte zu fagen.
Im Herbft 1867 bei Neugeftaltung der Mufikfchule wurde mir die Leitung des Chor-gefanges an derfelben übertragen. Ich erwog alsbald die Frage, welche Einrichtung des Chorgefanges für unfere Schüler die förderlichfte fein würde; und leicht ergab fich die Antwort. Für unfere Zwecke erfchien es nicht genügend, nur die fämtlichen vorhandenen befferen und geringeren Kräfte zufammenzufaffen und mit ihnen wie in einem Gefangverein Chorwerke einzuüben, vielleicht auch aufzuführen. Der Chorgefang follte vielmehr als eines der obligatorifchen Fächer gleich der Harmonielehre zur allfeitigen mufikalifchen Ausbildung des Schülers beitragen. Man weifs, wie häufig und bis zu welchem Grade der Privatunterricht die allgemeine Mufiklehre vernachläffigt; diefe aber in unferer Schule gründlich durchzuarbeiten, dazu follte der Unterricht im Chorgefange Gelegenheit geben; er follte fpäter neben dem theoretifchen Unterrichte, den die Schüler in den Harmonieftunden erhalten, auch eine Art praktifchen Harmonieunterrichtes bieten; er follte die Schüler befähigen, mufikalifch zu denken, d. h. fich melodifche Fort-fchreitungen, Rhythmen, Intervalle, Akkorde u. f. w. ohne Beihülfe eines Inilrumentes vorzuftellen. Wer dahin geführt war, las felbflverftändlich jede Chorftimme vom Blatt. Daneben follte natürlich — und zwar in erfler Linie — auch die Art des Chorfingens möglichfl ausgebildet, es follte ein fchöner Chorklang, deutliche und korrekte Textaus-fprache, künftlerifche Schattierung erzielt werden, fo dafs die bellen Kräfte während und namentlich am Schluffe des Schuljahres einen möglichfl; muflergültigen Chor bildeten, befähigt, jede Schwierigkeit zu überwinden. Diefer Mufterchor follte für die angehenden Dirigenten und Lehrer ein Vorbild fein, das ihnen zeigte, wie ein Chor geführt werden müfle und was fich mit einem gut gefchulten Chor erreichen laffe; er follte möglichil viele gute Chorwerke ftudieren, um die Beteiligten mit dem Hervorragendften aus diefem Zweig der mufikalifchen Literatur bekannt zu machen; er follte fchliefslich den angehenden Komponiflen Gelegenheit verfchaffen, ihre eigenen Verfuche auf diefem Gebiete möglichfl gut ausgeführt zu hören.
Diefes Ziel zu erreichen, wurden für den Chorgefang drei Stufen feilgefetzt mit nachilehendem Programme:
I. Stufe: a. Mufikalifche Elementarlehre und damit verbundene Treff- und rhyth-
mifche Übungen jeder Art;
b. kleinere Übungsilücke mit Beachtung reiner Intonation und fchönen Klanges;
II. Stufe: a. Rekapitulation der allgemeinen Mufiklehre, verbunden mit den erllen
Anfängen der Harmonielehre;
b. mehrftimmige Chorfolfeggien ftrengen wie freien Stils mit Berück-fichtigung einer kunflgerechten Schattierung;
c. Studium mehrfbimmiger Gefänge mit Text unter befonderer Durchbildung einer guten Ausfprache und richtigen Betonung.