Bővebb ismertető
Das Jahr 1930 Der Abzug der letzten alliierten Besatzungstruppen aus dem Rheinland am 30. Juni 1930 markiert für das Deutsche Reich den Abschluß einer vom verlorenen Weltkrieg geprägten Epoche. Die Feiern im gesamten Reich anläßlich dieser »Rheinlandbefreiung« sind Ausdruck der Hoffnung vieler auf Normalität, nachdem im vergangenen Jahrzehnt die noch junge Weimarer Republik immer wieder durch wirtschaftliche und politische Krisen erschüttert worden ist. Mit der Unterzeichnung der Haager Schlußakte im Januar, Voraussetzung für die Rückgabe des Rheinlandes, verpflichtet sich das Deutsche Reich allerdings zu hohen Reparationszahlungen an die Sieger des Weltkrieges: Eine positive Entwicklimg der deutschen Wirtschaft wird dadurch auf Jahrzehnte hinaus in Frage gestellt. Gleichzeitig wirkt sich die im Oktober 1929 durch den New Yorker Börsenkrach ausgelöste weltweite Wirtschaftskrise immer stärker auf das Deutsche Reich aus: Zahlreiche Banken- und Untemehmenszusammenbrüche sowie nachfolgende MassenentlassungenberaubenvieleDeutscheüirerwirtschaft-lichen Existenzgrundlage. Die enormen Kosten für die Unterstützung von über drei Millionen Arbeitslosen bringen das Reich, die Länder und die Gemeinden an den Rand des Ruins. Im Zeichen der Wirtschaftskrise nimmt die politische Radikalisierung zu. Viele Menschen führen ihre wirtschaftliche Notlage auf das Versagen des parlamentarischen Systems zurück und schenken den Parolen der antidemokratischen Parteien Glauben, die einen nationalistischen autoritären Führerstaat oder die klassenlose Gesellschaft als Patentrezept anpreisen. Besonders NSDAP und KPD tragen durch ihre oft gewalttätigen Auseinandersetzungen zur Aufhetzung des innenpolitischen Klimas bei. Die Schwächen der 1919 geschaffenen Verfassung erleichtem den antidemokratischen Kräften ihre systemzerstörende Arbeit. Besonders die in der Verfassung festgelegte starke Stellung des Reichspräsidenten entwickelt sich zu einem Problem: Sie setzt eine Persönlichkeit voraus, die den demokratischen Geist der Verfassung zur Richtschnur üu^s Handelns macht. Der seit 1925 amüerende greise Reichspräsident Paul von Hindenburg ist jedoch den Traditionen des Kaiserreiches verhaftet und folgt den Eingebungen seiner antidemokratisch eingestellten Berater. Unter Ausnutzung aller in der Verfassung vorgesehenen Kompetenzen gelingt es ihm nach dem Sturz der Regierung unter Reichskanzler Hermann Müller (SPD), dem Reichstag ein Kabinett »von seinen Gnaden« aufzuzwingen, das sich nicht mehr ataf eine Parlamentsmehrheit, sondern auf das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten stützt. Dieses erste »Präsidialkabinett« unter Heinrich Brüning (Zentrum) übergeht bei der Durchsetztmg seiner tmpopulären Maßnahmen den Reichstag und ignoriert damit seine parlamentarische Kontrollfimktion. Die Parteien reagieren darauf mit zunehmender Aggressivität, so daß eine konstruktive Arbeit im Reichstag allmählich unmöglich wird. Aus Angst vor einer Abwanderung ihrer Wähler sind nur noch werüge Politiker zu Kompromissen mit anderen Parteien bereit. Eine demokratische Mehrheitsregie-rung, die sich auf eine Parteienkoalition stützt, rückt damit in weite Feme. Der Nutznießer der allgemeinen politischen Krise ist vor allem die NSDAP, die ihre Kritik am Parlamentarismus mit aggressivem Antisemitismus und Antíkonmiunismus verbindet: Im Januar gelingtihrdurchdie Berufimg Wil- helm Fricks zum Minister für Inneres und Volksbildung in Thüringen erstmals eine Beteiligung an einer Landesregierung. Bei den Relchstagswafüen am 14. September erringt sie 107 Sitze. Sie ist damit hinter der SPD zweitstärkste Fraktion. Auch in anderen Ländern Europas tmd Asiens bereitet die welirweite wirtschaftliche Krise den Nährboden für rechtsgerichtete Bewegungen: Die österreichische Helmwehr bekennt sich im sog. Komeuburger Eid zu einem autoritär strukturierten Führerstaat nach faschistischem VorbUd, in Japan kommt der zunehmende Antlparlamentarismus breiter Bevölkerungskreise in einem Attentat auf Ministerpräsident Juko Hamaguchi zum Ausdruck, in Finnland fordert die sog. Lapuabewegung von der Regierung das sofortige Verbot aller kommunistischen Aktivitäten und die Abschaffung des parlamentarischen Systems. Die Massenflucht sowjetischer Bauern in das westliche Ausland macht 1930 die Weltöffentlichkeit auf die Sowjetunion aufmerksam. Die Menschen fliehen vor der Schreckensherrschaft des mit diktatorischen Vollmachten regierenden Staats- tmd Parteichefs Josef W. Stalin: Im Rahmen der Kollektivierung der Landwirtschaft befiehlt er im Februar dieEnteignungtmd Deportation der Kulaken (Großbauern), die sich der Zusammenfassung llirer Betriebe zu genossenschaftlichen Produktionsstätten widersetzen. Uberall in der UdSSR wird daraufhin eine beispiellose Menschenjagd - sowohl auf die Kulaken als auch auf alle anderen mißliebigen Personen - veranstaltet, der insgesamt mehrere Millionen Menschen zum Opfer fallen. Ein weltweites Medienecho findet auch der rasch wachsende Widerstand der indischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die Kolonialregierung Großbritanniens. Zu den populärsten Führern dieser Bewegung gehört Mohandas Karamchand »Mahatma« Gandhi, der mit seiner Kampagne des gewaltlosen Widerstandes auf das Unrecht der Ausbeutung seines Landes durch die britischen Kolonialherren aufinerksam macht. Großbritannien reagiert attf Gandhis Aktionen, deren Höhepunkt 1930 der sog. Salzmarsch ist, mit Repressionsmaßnahmen: Gandhi und andere Führer der Unabhängigkeitsbewe-gimg werden Inhaftiert. Obwohl die wirtschaftliche und politische Entwicklung in den meisten Ländern den Nationalismus aufflammen läßt, werden auf internationaler Ebene Versuche fortgesetzt, zu einer besseren Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg zu kommen.