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Kalendergeschichten
Eine kleine Plauderei als Vorrede Von Ludwig Anzengruber
Es ist eine eigene Sache um das Kalendermachen, ich meine nicht, um das Aufteilen der Tage und das Zuteilen heiliger oder profaner Namen für einen jeden derselben, das Vorberichten von Mondes- und Sonnenfinsternissen, Aufzählen der Fest- und Fasttage und Anführen der Bauernregeln, welche so heißen, weil sich wohl die Bauern danach richten, aber leider nicht immer die Witterung, kurz, ich meine nicht das Zusammenstellen alles dessen, wovon laufenden Jahres über jeder Käufer jedes Kalenders aufs beste unterrichtet zu sein verlangt, sondern ich meine die Abfassung des erzählenden Teiles, denn der soll das Büchelchen dem Käufer wert machen, viel mehr wert als die Pfennige oder Groschen, welche dafür ausgelegt werden.
Nehm' einer an, er hörte in einer Gesellschaft eine Geschichte erzählen, eine von jenen, welche man sich zeitvertreibshalber gerne einmal gefallen läßt, wo nach dem letzten Wort kein weiteres mehr not tut und keine Gedanken darüber auszutauschen sind und nichts nachklingt im Gemüt, doch würde er es gleich allen andern zufrieden sein und dem Erzähler zum Abschied freundlich die Hand bieten; wenn er nun aber in jeder Gesellschaft diesen Erzähler träfe und immer dessen Geschichte zu hören bekäme, so würde er - wir wollen christliche Gesinnung bei ihm voraussetzen - den Mann wohl nicht hassen, aber ihm tunlichst aus dem Wege gehen, und es würde ihm zur großen Befriedigung gereichen, an dessen, wie er sie nun nennen würde, alberne Geschichte durch nichts erinnert zu werden.
Nun, eine solche Geschichte, die man sich gerne einmal gefallen läßt, bei der das letzte Wort wirklich das letzte ist und bleibt und keine Gedanken darüber auszutauschen sind und nichts im Gemüt nachklingt, die soll der Kalendergeschichtenschreiber nicht bringen, denn der Kalender hängt das ganze Jahr über an der Wand oder wird unzählige Male aus der Lade und zur Hand genommen, und der Leser würde bei jedem Aufblättern an diese Leistung erinnert werden; im ersten Drittel des Jahres wäre er ihrer überdrüssig geworden, im zweiten bekäme sie, je nach Temperament des Beurteilers, eine mehr oder minder kräftige Klassifikation, aber nicht zum guten, und im letzten hätte sie ihm den ganzen Kalender verleidet. Er kauft ihn nie wieder.
Also sollte es wohl eine Geschichte sein, die man gerne auch des öftern liest, wo über das letzte Wort hinaus Gedanken sich fortspinnen und Gefühle nachklingen? Ei, freilich!