Bővebb ismertető
Durch Hellmut Divvalds Geschichte der Deutschen ist die Frage der methodischen Erarbeitung und Darstellung der Historie aufgeworfen worden. Sie soll nicht vom Ursprung her in ihrem zeitlichen Ablauf konzipiert werden, sondern vom jeweiligen Standpunkt des (mehrwissenden) späteren Betrachters aus. Die Gegenchronologie ist nach Divvald geeignet, ein neues, sozusagen zeitgemäßeres Geschichtsbild zu erbringen.In diesem, seinem wichtigsten Anliegen geht Diwald jedoch von falschen Voraussetzungen aus, denn es gibt keinen Historiker, der sein Thema - wie ein Maulwurf seinen Gang im Wiesengrunde gräbt - nur in eine Richtung denkend verfolgen kann. Er besitzt vielmehr von vornherein eine Vorstellung vom Standort seines Themas im Raster seines Geschichtsbildes. Seine Gedanken bewegen sich, Motive suchend, Quellen rückwärts verfolgend, auch gegen den zeitlichen Ablauf, wie sie außerdem gleichzeitige Ereignisse und Folgewirkungen in ihre Konzeption einbeziehen. Einen solchen über das engere Thema hinausreichenden Raster zu besitzen, macht den Historiker überhaupt erst aus.Divvalds gegenchronologisches Verfahren wäre leicht durchzusetzen, wenn man Geschichte wie einen rückwärtslaufenden Film darstellen könnte: Ein Turmspringer taucht mit seinen Füßen aus dem Wasser des Schwimmbeckens auf und fliegt allen Gesetzen der Schwerkraft zum Trotz in schönem Bogen auf das Sprungbrett hinauf. Daß es so nicht geht, bekundet Diwald selbst. Er kann die Historie nicht kontinuierlich von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit abspulen. Vielmehr zerhackt er sie in unzählige, in sich chronologisch abgehandelte Einzelbilder oder unbewegte Zustands-schilderungen, die er dann zeitlich nach rückwärts hin anordnet. Damit sind diese Szenen dem Kontinuum des Geschichtsablaufs entzogen und in willkürlicher Auswahl und Folge völlig subjektiven Beurteilungen unterworfen. Auf diese Freiheit legt Diwald besonderen Wert, denn er entzieht sich damit dem Zwang der historischen Beweislast. Die sich aus den vorausgehenden Ereignissen und Situationen über kürzeste, aber auch über lange und sehr lange Zeitstrecken ergebenden Motivationen geschichtlicher Entwicklungen werden von ihm zerrissen, und der Stoff bleibt offen für weitgehend subjektive oder ideologisch-kollektivistisch bestimmte Beurteilungen.Die kommunistische Partei in der Sowjetunion wendet diese Methode in der ständigen Umarbeitung ihrer eigenen Geschichte auf den Zeitpunkt der jeweiligen Abfassung hin an. Auch bei Diwald muß sich diese Methode auswirken. Seine Darstellung der Zeitgeschichte strotzt von unverkennbaren Fehlbeurteilungen. Um nur wenige Beispiele zu nennen:Diwald fragt nicht, ob die Währungsreform von 1948 nicht eine unerläßliche Antwort auf die umwälzende Wirtschaftspolitik der Sowjets in Mitteldeutschland war. Die totale Unterwerfung der Satellitenstaaten, gekennzeichnet durch die Ermordung Jan Masaryks, ist für ihn ein fast schon legaler oder doch durchaus verständlicher Prozeß der Homogenisierung. (Mit diesem Ausdruck könnte man auch Hitlers blutige Ostpolitik völlig wertfrei bezeichnen.) Souverän löst Diwald auch das deutschdeutsche Problem, wenn er schreibt: Eine Normalisierung (sc. im Verhältnis zwischen Bundesrepublik und DDR) im vollen Sinn des Wortes wäre allein durch völkerrechtliche Anerkennung samt allen juristischen Weiterungen denkbar. Dann würde auch die Notwendigkeit wegfallen, zur Bestätigung der eigenen Oberhoheit sich der Mauer und des Stacheldrahts zu bedienen. So einfach wäre das nach Diwald!