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EINFÜHRUNG
Wer sich aufmacht, den Anfängen unserer abendländischen Kultur nachzugehen, wird auf seinem Wege über die Antike oder das frühe Christentum auch das Alte Ägypten betreten und hier auf vertraute Erscheinungen stoßen, vor deren Hintergrund sich die andersartigen Formen um so klarer abheben. - Neben der Literatur mit ihren Anklängen an die Sprache des Alten Testaments ist es vor allem die Kunst, die einen unmittelbaren Zugang zu dieser frühen Hochkultur am Nil eröffnet, da ihre ausdrucksvollen und harmonischen Formen jeden ansprechen, der bereit ist, den eigenen Standpunkt aus der Begegnung mit einer fremden Kultur zu bestimmen. - Schwieriger gestaltet sich das Verständnis der Religion, sobald man den Sonnengesang des Achenaten (Echnaton) hinter sich gelassen hat und in das verstrüppte Unterholz der Phänomene eindringt. Bei nur vordergründiger Betrachtung der Erscheinungen kann mit den »hundsköpfigen Göttern« leicht die ganze Religion verkannt werden. Erst die Ideen, die sich hinter den fremdartigen Formen verbergen, offenbaren uns die Ägypter als Menschen, die wie wir, nur auf ihre Weise, versucht haben, das Göttliche in menschlichen Kategorien zu begreifen, das Unsagbare in Worte und das Unvorstellbare in Formen zu kleiden. - Die Religion war der große Auftraggeber der Kunst. Will man über eine ästhetisierende Wertung der Kunstdenkmäler hinaus zu einem echten Verstehen kommen, so muß man die religiösen Vorstellungen kennen, die in der Kunst Gestalt angenommen haben.
Eine Darstellung der Religion der Alten Ägypter auf knappem Raum gerät in Schwierigkeiten, da viele Einzelerscheinungen mitspielen, die sich zu Beginn der geschichtlichen Zeit (um 3000 v. Chr.) auf dem über tausend Kilometer langen Lebensraum des Niltales zusammenfanden, sich im Laufe von dreitausend Jahren geschichtlicher Entwicklung beeinflußten und zu neuen Ordnungen zusammenschlössen. Wie aber die altägyptische Hochkultur in allen ihren Äußerungen trotz ihrer Zusammensetzung aus seßhaften Bauern, Viehzüchtern und jagenden Nomaden ein geschlossenes Bild bietet, so scheint auch ihre Religion von einheitlichen Vorstellungen getragen zu sein, denen sich die vielen Einzelerscheinungen wie Varianten einer Grundidee unterordnen. Versucht man, die vielgestaltige Götterwelt durch Ordnung in den Griff zu bekommen, so bleibt jeder Ansatz in vielfachen Überschneidungen stecken. Man kann zum Beispiel die Götter nach ihren Heimat- oder Haupt-kultorten ordnen (etwa die Göttin Neith nach Sais verweisen). Diesen »Ortsgöttern« gegenüber stehen die an keinen Ort gebundenen kosmischen Götter, also die Verkörperungen von Himmel und Erde, Sonne und Mond, Luft, Wasser und Wüste. Die Ortsgötter sind als Universalgottheiten für alle Belange ihrer Verehrer zuständig, die kosmischen Götter nur für bestimmte Bereiche, die Ressortgötter schließlich für festgelegte Aufgaben (so Seschat für das Schreib- und Rechnungswesen, Anubis für die Toten). Unpraktisch ist wegen des Festhaltens an überliefertem Gut die zeitliche Ordnung der Götter; immerhin kann man die Panthergöttin Mafdet für die Frühzeit, den Götterkönig Amun-Re für das Neue Reich und den ägyptisch-ptolemäischen Mischgott Sarapis für die griechisch-römische Zeit isolieren (wenn man die Frage beiseite läßt, in welcher Form diese Götter außerhalb der zugeteilten Zeiten auftraten). Geht man schließlich von der Gestalt aus, so bietet sich die Scheidung in menschen-, tier-, pflanzen- und fetischgestaltige Götter an. Doch schon die Mischgestalten (Menschenkörper mit Tierkopf, Baum mit menschlichem Oberkörper) erweisen, daß die Götter sich nicht in bestimmte Formen einfangen lassen, sondern sich beliebig den Menschen zeigen. Allen Göttern ist jedoch gemeinsam, daß sie für den ägyptischen Menschen nicht nur Objekte des Glaubens und der Verehrung waren, sondern »Wirklichkeiten«, sofern sie nämlich in ihm und für ihn wirkten.
Grundfragen der altägyptischen Religion sind die Schaffung und Erhaltung des Lebens sowie seine Fortdauer über den Tod hinaus, und zwar im Kosmos wie auf der Erde. Diese Zentralidee wird in zahlreichen mythologischen Bildern, die jedoch als'Varianten anzusehen sind, ausgemalt. Nach der Schöpfung, die als ein Akt des