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Es klingelte am Vordereingang. Mürrisch wie stets und schwerfällig wandte sich Sia nach Lina Rim um. Lina, die Brille auf der Nase, stopfte einen Plaid, der irgendwo hängengeblieben war. »Tantchen! Es klingelt!« sagte das Mädchen träge. Lina, die gerade beim Einfädeln war, antwortete nicht gleich. Sia sah den Professor an, aber auch der schwieg. Reglos saß er in seinem Schreibtischsessel und lächelte die Pflegerin an. Es sollte wohlwollend wirken, dieses Lächeln, aber es machte ihn nur noch häßlicher.
Dr. Rim wartete voller Ungeduld darauf, daß man ihm den Plaid über die Knie breitete. Es war zwar erst Mitte September und noch nicht kalt, und man hatte den neuen, eleganten Porzellanofen vielleicht viel zu früh angeheizt. Auch Schmerzen hatte er im Augenblick nicht, aber er ergriff seine Vorsichtsmaßregeln. Er war ein bedauernswerter Kranker, der sorgfältigster Behandlung, bedurfte und für den man eigens eine Pflegerin'.engagiert'hatte. Sein allgemeines Befinden und sein Selbstgefühl lebten von der Vorstellung, daß ihm irgendwann einmal etwas weh getan hatte oder daß ihm künftig vielleicht etwas weh tun würde. Zwischen diesen beiden Leidensvorstellungen gefiel er sich in einem wohltuenden Komfort. Die Klingel störte ihn nicht. Besuch war ihm als zusätzliche Zerstreuung jederzeit willkommen. Sia aber sehnte den Tag herbei, an dem es nicht dauernd klingeln würde, an dem sie Frau Lina nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit um Erlaubnis zu bitten brauchte. In solche Gedanken versunken, wiederholte sie schärfer: »Tantchen! Es klingelt!« Zum zweitenmal ertönte zaghaft die Glocke.