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VORWORT
Um sich selbst und ihre Gesellschaft zu verstehen, müssen die Menschen auf ihre eigene und zwar nicht notwendigerweise immer die unmittelbare Vergangenheit zurückblicken. Die Geschichte ist ein wichtiges Element im Selbstverständnis einer Gesellschaft, auch wenn der Rückblick vielleicht deutlich vor Augen führt, wie weit Ideal und Wirklichkeit voneinander entfernt sind. So ist auch die Kirchengeschichte ein Studium, In dem es ein starkes Element der Selbstentdeckung gibt, nicht nur für den Gläubigen, sondern bis zu einem gewissen Grad auch für den Ungläubigen, dessen persönliche Kultur in der westlichen Traditon ihre Wurzeln hat. Um sich selbst zu erkennen, müssen die Christen die verschlungenen Wege erforschen, die ihre Gemeinschaft in der Geschichte gegangen ist, die heftigen Familienstreitigkeiten nachvollziehen, aber auch den Reichtum an vielfältigen Erfahrungen schätzen lernen, der auf diesen Wegen gewonnen wurde. Weil die christliche Tradition die westliche Gesellschaft und deren Wertesystem zutiefst beeinflußt hat, ist die in diesem Buch berichtete Geschichte auch von Bedeutung für jeden, der etwas von diesem Einfluß verstehen will.
Gegenwärtig bekennt sich annähernd ein Drittel der Weltbevölkerung - das sind ungefähr 1430 Millionen Menschen - zum christlichen Glauben. Die Zahl der Christen hat im 20. Jahrhundert beachtlich zugenommen, obwohl sie in einigen Regionen unter dem Druck des Kommunismus und durch das Vordringen einer materialistischen Denkweise in jüngster Zeit zurückgegangen ist. Eine Religion, in deren Zentmm das Vorbild des Eriösers Jesus steht, kann niemals einer Gesellschaft entsprechen, die von politischer Macht, wirtschaftlichem Reichtum und äußerem Ehrgeiz oder materiellem Streben bestimmt wird. Darüber hinaus hatte das Christentum in seinen klassischen Ausprägungen in seiner langen Geschichte häufig einen schweren Stand angesichts politischer Mächte, denen seine prinzipielle Überweldichkeit und die Relativierung aller irdischen Souveränität ein Dorn im Auge war. Heute sind die chrisUichen Kirchen genauso wie zu jeder Zeit heimtückischer oder gewaltsamer Verfolgung ausgesetzt mit der Absicht, sie auszulöschen, und der Historiker kann nicht schlichtweg feststellen, daß die Unterdrückungsmaßnahmen mit Sicherheit erfolglos bleiben werden. Weltlich denkende Regierungen haben es freilich bequemer gefunden, die Kirche ihren eigenen Zwecken dienstbar zu machen, als den religiösen Glauben auszurotten.
In diesem Atlas haben wir versucht, im Text zumindest die wichtigsten christlichen Traditionen in genauem Umriß darzustellen und durch die Karlen und Abbildungen einige der eindrucksvolleren sichtbaren Erscheinungsformen des Christentums vor Augen zu führen. Indem wir uns auf die wichtigsten Traditionsströme konzentrierten, wollten wir die reiche Vielfalt anderer Ausdrucksformen des Christentums nicht ausschließen oder beiseite drängen: einige der Abbildungen sollen diese Vielfalt verdeutlichen und bewußtmachen. In den Augen des Historikers sind es allerdings die Haupttraditionen der sichtbaren Gemeinschaft, von denen die weniger geschichtsmäßigen Formen abhängen -
oft in einem größeren Ausmaß, als ihren Anhängern vielleicht bewußt ist.
Das Christentum ist eine gemeinschaftliche Weise der Religionsausübung, geprägt von einer Lehre, die sich für gewöhnlich in Form einer Erzählung ausdrückt, und einer Ethik, die durch die zentrale Gestalt in dieser Erzählung bestimmt wird. Die Amtsträger der Gemeinschaft sind weit weniger wichtig als die ihnen übertragenen Ämter und Aufgaben; dennoch haben sie angesichts innerer Zwistigkeiten und äußerer Bedrohung eine entscheidende Rolle für den Zusammenhalt der Gemeinschaft gespielt. Die geschichtlich gewachsenen Glaubensformen messen der ständigen Erneuerung durch die Rückverbindung mit den Wurzeln der Gemeinschaft, vor allem vermittels der Bibel und der von Jesus eingerichteten Sakramente, überragende Bedeutung zu. Auch wenn das Vermächtnis im einzelnen äußerst verwickelt ist, sind doch diese Hauptlinien christlichen Selbstverständnisses und christlicher Glaubenspraxis klar und unkompliziert.
Das Christentum stellt ein Paradoxon dar. Als Religion, die sich in der Welt des Nahen Ostens herausbildete und deren Nährboden das hebräische Prophetentum war, breitete es sich in der griechisch-römischen Welt des Mittelmeerraums und Im nordwestlichen Europa aus, überwand es die ihm von den Arabern zugefügten Niederlagen, als diese sich im 7. Jahrhundert zur militanten Religion des Islam bekehrten, und verband sich mit griechischer Philosophie sowie mit dem Rechtssystem und dem Staat des Römischen Reichs. Sprache und Kultur sowie die inneren Auseinandersetzungen um Macht und Autorität, die für die wesUiche Welt in Rom konzentriert waren, führten dazu, daß der griechische Osten und der lateinische Westen getrennte Wege gingen. Die meisten Gemeinschaften, die sich -aus politischen oder religiösen oder aus diesen beiden Gründen - im 16. Jahrhundert während der Reformation von Rom lossagten, definieren sich noch immer durch ihre Ablehnung der Strukturen und Formen der Vorreformationszeit, doch überiebt in ihnen auch einiges von dem, was sie damals ablehnten, insbesondere die Autoritätsgläubigkeit.