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VORWORT
Ein Käuzchen galt als Glücksvogel der Pallas Athene. Dem ägyptischen Mondgott war der Ibis heilig. Wodan sandte Raben aus, die ihm über den Lauf der Welt berichteten. Die Taube, uns ein Symbol des Friedens, war der Vogel der Aphrodite. Adlerfedern trugen die Krieger Nord- und Südamerikas, Papageienfedern gehörten zum Festgewand der Kolumbianer - die Brutbäume dieser Vögel waren wertvoller Besitz. Papuas benutzten Paradiesvögel, ehe die Europäer Neuguinea kennenlernten. Und aus den Bälgen der Kleidervögel wurden auf Hawaii Priestergewänder gefertigt.
Ein Kranich oder Reiher erscheint unter den alt-steinzeltlichen Malereien der Höhle von Gargas, ein Storch in der Grotte von La Vllera de el Arab, Schneeeulen in der von Les trois Freres. Ein Auerhahn bildet den Griff eines altsteinzeitlichen Speerwerfers ~ eines Gerätes zur Verbesserung des Speerwurfes. Riesenalken sind In Nordspanien, nahe Santander, in die Felswand geritzt. Diesen zwischen SO 000 und 20 000 Jahre alten Bildern folgt ein ununterbrochener Strom von Vogeldarstellungen durch alle Zeiten und Kontinente bis in die Moderne. Einen Vogelfries kennen wir von Ruinen der Sumerer, kaum jünger sind die ersten Wildgansbilder der Ägypter. Noch heute faszinieren die herrlichen Vogeidarstellungen der chinesischen Sung-Malerei um 1000 n. Chr. In den frühesten Handschriften werden Vögel erwähnt. Echnaton spricht von ihnen, wie sie gleich ihm die Sonne verehren. Aristophanes widmete den Vögeln eine Komödie. Ein indisches Gedicht des 4. Jahrhunderts vergleicht den Flamingo mit einer graziösen Frau. Ungezählt sind die chinesischen Strophen, die Vögel besingen. Immer wieder bannt den Dichter die Schwerelosigkeit und Ungebundenhelt des Vogels - wir mögen an Faust beim Osterspazierging denken, an Maxim Gorkls Lied vom Sturmvogel oder an Albrecht Haushofers Moabiter Sonett von den Spatzen. Das Verhältnis des Menschen zum Vogel war Immer ganz besonders eng. Kein anderes Tier hat so In der Nähe seiner Behausungen frei leben dürfen: Käuze in Griechenland, Störche und Schwalben in Mitteleuropa. Schattenvögel in Ost-
afrika, Elstern in Nordskandinavien sind Beispiele dafür. Einen Vogel In der freien Natur zu beobachten war eine Beschäftigung, die einem ernsthaften Mann wohl anstand - schon Shakespeare berichtet davon.
Zweimal Ist aus dieser naiven Freude am Vogel, an seiner Leichtigkeit, Eleganz und farblichen Schönheit das Streben nach einer wissenschaftlichen Analyse hervorgegangen.
Im alten Griechenland faßte Aristpteles die Frucht eigener Beobachtungen und die Kenntnis der damaligen Zeit zusammen. Vier Jahrhunderte später gab der Römer Plinius secundus eine weitere Übersicht. Sie beide haben selbst intensiv Vögel beobachtet und sie haben teilweise außerordentlich exakte Daten gegeben. Neben ihnen hat wahrscheinlich eine große Anzahl weiterer Forscher gelebt. Aber das gesamte Wissen des klassischen Altertums ging verloren. Von den Forschungsergebnissen existierten nur wenige Manuskripte; die Buchdruckerkunst war unbekannt. Riesige Brände zerstörten in Alexandria, dem Zentrum der frühen Wissenschaft, die Bibliotheken und damit fast eine Million Buchrollen (47 v. Chr., 272 u. 391 n. Chr.).
Erst tausend Jahre später begann langsam und zögernd zum zweiten Maie eine wissenschaftliche Untersuchung der Natur und damit der Vögel. Arabische Gelehrte hatten manches aus den alexandrinischen Bibliotheken gerettet und weitergegeben. Zur Zeit der Kreuzzüge geriet das Abendland In Kontakt mit der arabischen Kultur und erhielt Kenntnis von den Leistungen des Altertums.
Auf Sizilien - an einer Stelle, wo klassisches Altertum, arabische und abendländische Kultur zusammentrafen - entstand das erste Vogelbuch dieser neuen Wissenschaftsepoche. Kaiser Friedrich II. (1215-1250), einer der größten Geister seiner Zeit, schuf es zusammen mit seinem Sohn Manfred; Albertus Magnus gab es heraus. Es beruht vorwiegend auf eigener Beobachtung und beschäftigt sich mit edlen Falken, die zur Beizjagd abgerichtet wurden („De arte venandl cum avibus*' - über die Kunst, mit Vögeln zu jagen). Aber es ist mehr als ein Jagdbuch. Friedrich ließ im Brutschrank Eier