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VORWORT In den letzten Jahrzehnten habén alle grófién Museen Europas in umfangreichen und aufwendiig ausgestatteten Publikationen Meisterwerke aus ihren Bestánden vorgestellt. Diese Publikationen geniefien allgemein, vor allém wegen der zahlreichen schönen, meist farbigen Abbildungen, so grofie Wertschátzung, dafi die Frage nach Sinn und Beschaffenheit solcher Kunst-Anthologien erst gar nicht mehr gestellt wird. Sie scheinen frag- und problemlos. Und dennoch sind sie es nicht, wie sich bei náherer Betrachtung herausstellen wird. Das Kunsthistorische Museum in Wien ist wohl das einzige grofie Museum der Welt, über dessen Sammlungen bereits sehr früh Bildbánde erschienen sind. Wenn man den 1601 erschienenen Bildband von Jákob Schrenck von Notzing »Der . . . Keyser . . . Bildnussen . . . und Beschreibungen ihrer Tatén, deren Waffen ... in Schlofi Ombrafi . . . aufbehalten werden« (Innsbruck, Johannes Agricola, 1601), der neben den Bildnissen der Kaiser ihre Rüstungen und Waffen zeigt und daher kein Runstband im eigentlichen Sinn ist und das in mehreren Sprachen erschienene »Theatrum Pictorium«, das Bildinventar der Galerie des Erzherzogs Leopold Wilhelm, heute Kern der Gemáldegalerie des Kunsthistorischen Museums, das 1659 von Dávid Teniers d. J. herausgegeben wurde, beiseiteláfit, so trifft man auf drei Publikationen aus dem frühen 18. Jahrhundert, die modernen Kunstbüchern in verschiedener Hinsicht nahekommen. Im Jahr 1720 erschien der erste Band einer in ihrer Art einzigartigen Publikation, dem 1730 und 1733 zwei weitere Bánde folgten. Es ist das von dem Hofmaler Ferdinánd Storffer herausgegebene Bildinventar der unter Kaiser Kari VI. neu aufgestellten Gemáldegalerie in der Stallburg in Wien (Abb. S. XV, XVI). In drei prachtvollen, in Leder gebundenen und mit Goldbeschlágen geschmückten grófién Pergamentbánden sind die Gemálde der Galerie Saal für Saal in TemperaMiniaturen wiedergegeben. Sie zeigen genau die Anordnung, in der sich die Bilder samt Ralimén an den getáfelten Wánden befanden. Die Wiedergabe ist bis ins kleinste Detail originalgetreu, die Farben blieben bis heute frisch und völlig unverándert. Das Werk war dem Kaiser gewidmet und hat den unikalen Charakter einer illuminierten Handschrift. Nun bestand aber schon damals der Wunsch, die Schátze der Kaiserlichen Kunstsammlungen weiteren Kreisen bekannt zu machen. Daher erschien 1728 das »Theatrum artis pictoriae«, eine Sammlung von Radierungen nach ausgewáhlten Bildern der Galerie. Das Werk erschien in drei Fortsetzungen, wurde aber nicht vollendet. Erst die 1735 von den Kammermalern Franz Stampart und Anton Brenner herausgebrachte Publikation des »Prodromus« entsprach den gewünschten Anforderungen. Auf 28 Tafeln zeigen jeweils zwanzig bis vierzig Radierungen die Bilder der Kaiserlichen Sammlung, darüber hinaus aber auch eine Auswahl antiker und spáterer Plastiken, Reliefs, Gemmen und Medaillen. Jede Seite wird von erláuternden Versen begleitet, die Wiener Jesuitendichter verfafiten. Wie aus dem Widmungsblatt hervorgeht, wurde das Werk von Gundaker Gráf Althann, dem »Director Generális Pinacothecae Caesareae«, Kaiser Kari VI. gewidmet. Das Titelblatt - ebenso wie der Einleitungstext lateinisch und deutsch - besagt: »Prodromus oder Vor-Licht des eröffneten Schau- und Wunder-Prachtes Aller deren An dem Kaiserl. Hof in Allerhöchst Seiner Kaiserl. Königl. und Cathol. Majestát . . . Carl des Sechsten Haupt- und Residentz-Stadt Wienn sich befindlichen Kunst-Schátzen und Kostbarkeiten, Sonderheitlichen Deren alldarinnen háuffig aufbehaltenen Bewunderungs-würdigen Schildereyen, Gemáhlden, Statuen, Bild-Saulen und anderen von denen allervornehmsten Meistern verfertigten Gemáchtnüssen . . . Denen Kunst-liebenden zu Nutz- und Ergetzung«. Die beiden Maler-Autoren des Bandes waren sich der Bedeutung ihres Unternehmens durchaus bewufit, weshalb sie auch ihre Portráts gleich auf die erste Seite des Abbildungsteils setzten. Nichtsdestoweniger schien es ihnen aber doch angebracht, ihr Werk in einem »Kurtzen Vorbericht an die Liebhaber der Kunst« rechtfertigen und ihre »Beweg-Ursachen« klarlegen zu müssen. Sie mit unseren Überlegungen zu diesem Thema zu vergleichen, ist recht aufschlufireich. Zunáchst, so meinen die Autoren, will sich »bey jetziger Welt« ein jeder ohne Berechtigung zum Kunstkenner »aufwerffen«. Auch wollten die meisten Menschen gerne »Weisheit von sich sehen lassen« und hátten sich dabei aus diesem Grund von Anfang an gegen das Werk gestellt. Man sollte sich aber durch ein solches »Ubel, das (all)gemein ist«, nicht dazu bewegen lassen, den Kunstliebhabem die Kostbarkeiten der Kaiserlichen Sammlungen weiterhin vorzuenthalten. Man habe das vorliegende Werk als Kompendium abgefafit, da »es unmöglich sei, dafi man bey dermalen so hoch gestiegener Gelehrsamkeit in mehrerley Wissenschaften zugleich auf den höchsten Grad heraus kommen könne, so nicht ein Studierender diejenige Disciplin, so er unternehmen will, bevor in einem Compendio durchgehet, ehe er sich in eine weitláuffige Unterrichts-Abhandlung einlasset«. Nur die vornehmsten Kunstwerke seien »nachgeátzet, welche von hohem und ungemeinen Verstand« seien, und alles das wáre aufier acht gelassen, dessen Wert und Kostbarkeit »nur alléin in der pretiosen Materie bestehet, wovon sie ermartert worden«, oder in der Seltenheit oder im Altér. Auf solche Weise wáre »der Kern von der Schaale abgelöset, keines-weges aber das geringste frucht-bringende übergangen worden«. Was hatte es wohl für einen Sinn, »Crystall, Korallen, Muscheln, Steinen . . . Arbeiten in Gold und Silber . . . von denen Gothischen, Indianischen, Egyptischen, Persischen, und vieler anderer Völckerschaften uralten Götzen-Bildern und anderen curiosen . . . Gemáchtnüssen . . . auserlösensten Materialien und Naturwundern, Andachts-Sachen, Kleinodien ... in Kupfer zu sehen?«. In diesem Band würde ausschliefilich eine »Essenz aller . . . Vortrefflichkeiten« gegeben, deren sich »alléin die Verstándige(n) mit grossem Frucht und Vortheil bedienen können«. Denn erstens würde dem »Gedáchtniifi . . . geholfen, wann man etwas in Compendio . . . concentrirt hat«, und da zweitens nicht alle Menschen gleich begabt oder von »hohem Geiste« seien, so wáre dieses Werk eine »Richt-Schnur«, eine »Quelle des höchsten Lichtes«, ein »Gesatzbuch . . . unvergleichlicher Kunst-Einfálle«, um sich daran zu bilden und zu erfreuen.