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Vorwort
Die Erzählungen dieses lateinamerikanischen Lesebuchs umspannen die letzten hundert Jahre, hundert Jahre leidvoller Abhängigkeit eines ganzen Kontinents von alten und neuen Machtzentren, aber auch hundert Jahre des Kampfes um Freiheit und politische Selbstbestimmung, hundert Jahre dynamischer, wenn auch einseitiger Entwicklung. Die erste Erzählung, aus der Feder des brasilianischen »Klassikers« Machado de Assis, erschien 1882 in Rio de Janeiro, der Hauptstadt des damaligen Kaiserreichs Brasilien, das noch nicht einmal die Sklaverei abgeschafft hatte, aber doch frei war von der Vorherrschaft des portugiesischen Mutterlands, während Kuba damals immer noch eine spanische Kolonie war. Die jüngsten Erzählungen stammen aus den frühen 80er Jahren. Lateinamerika steckt wirtschaftlich tiefer in der Krise denn je, in Paraguay und Chile sitzen die Diktatoren immer noch fest im Sattel, die vielgepriesene und vielgescholtene kubanische Revolution ist in die Jahre gekommen und hat trotz aller Anstrengungen die hochgespannten Erwartungen nicht erfüllen können. An der historischen Abhängigkeit Lateinamerikas von den großen Metropolen hat sich wenig geändert. Die »offenen Adern« Lateinamerikas werden weiterhin geplündert, die Rohstoffe exportiert, die Wälder abgeholzt. Einen Sieg jedoch haben die Lateinamerikaner davongetragen: schon längst nicht mehr ist die Literatur dieses Kontinents ein bloßer Ableger der europäischen, ein literarischer Annex der Mutterländer Spanien und Portugal.
Die lateinamerikanische Literatur ist Weltliteratur, und nicht erst seit zwanzig Jahren. Wir haben das hierzulande lange nicht zur Kenntnis nehmen wollen, trotz der an Gabriela Mi-